Scham, Schuld und Stigma – die drei S in der Trauer bei Suizid

Scham, Schuld und Stigma

Die drei S in der Trauer bei Suizid​

Ein heißer Sommertag in den 90ern. Meine Mutter ist in der Küche und bereitet das Mittagessen vor. Eine Tante hat ihren Besuch angekündigt. Es soll Hackbraten geben. Gedankenverloren stehe ich als junge Erwachsene im Bad meines Elternhauses, schaue aus dem Fenster und sehe ein Polizeiauto vorfahren. Zwei Männer steigen aus. Einer davon ist ein früherer Schüler meines Vaters, der meinen Eltern sichtlich betroffen vom Suizidtod ihres Sohnes berichtet. Die Erinnerungen an diesen Tag brennen sich ein.

Mit diesem Moment ist alles anders

Mein Leben dreht sich einmal um sich selbst und ich stehe in einer neuen, nie geahnten und nie gewollten Realität. Die Realität ohne meinen geliebten, vertrauten Bruder, der mir, als sieben Jahre jüngere Schwester, immer das Gefühl gegeben hat, dass das Leben gelebt werden kann. Trotz aller äußerer und innerer Stürme, die sich zeigen.

Es hat damals Jahre gedauert, bis ich diese neue Realität annehmen und diese zur Basis meines heutigen Lebens wandeln konnte. Als junge Erwachsene war ich unmittelbar konfrontiert mit Sprachlosigkeit, Unsicherheit und vielen wertenden Urteilen in Bezug auf den Suizid an sich und leider auch im Blick auf die hinterbliebene Familie. Meinen Bruder habe ich immer wieder in Schutz genommen. Und dabei unter dem Tabuthema Suizid und der damit verbundenen Ausgrenzung gelitten. Dieses Tabu erschwert den Trauerprozess ungemein.

Ich habe mir damals nicht die Erlaubnis gegeben, wirklich offen und sichtbar zu trauern

Wohl spürend, dass mein Umfeld von der Härte der Todesart getroffen war, jedoch nicht wissend, wie damit umgehen und reagieren. Meine Wahl war der Rückzug. Bis zu dem Tag, an dem sich mein zweiter Bruder suizidiert hat. Doch das ist eine andere Geschichte.

Laut Statistik suizidiert sich in Deutschland etwa alle 56 Minuten ein Mensch, der im Schnitt sechs Menschen hinterlässt, die von diesem Suizid unmittelbar betroffen sind.

Mittlerweile gibt es hilfreiche Unterstützungsangebote für Suizidhinterbliebene

Seit dem Suizid meiner Brüder hat sich über die Jahre einiges geändert im Umgang mit der Trauer bei Suizid. Manches ist offener geworden. Es gibt Anlaufstellen für Menschen, die sich in akuten Krisen befinden. Und es gibt vor allem auch für Hinterbliebene nach Suizid ein breiteres Angebot an Möglichkeiten, über die Trauer auf verschiedensten Wegen in die Verarbeitung des Verlustes zu kommen und damit sichtbar sein zu können. Was jedoch schon damals ein Thema war und leider auch heute noch ein Thema ist, ist der hartnäckige Tabubereich, in dem sich der Suizid an sich weiter befindet.

Die drei S in der Trauer bei Suizid – Scham, Schuld, Stigma – sind Hürden im Trauerprozess

Die drei S nehmen auch in meiner heutigen Arbeit als Trauerbegleiterin in den Gesprächen mit Suizidhinterbliebenen einen großen Raum ein. Scham, Schuld und Stigma werden immer wieder – nahezu quälend – seziert, gedreht und gewendet. Schaue ich nach der tieferen Bedeutung der drei Worte, wird deutlich, mit welch großem Schmerz Hinterbliebene nach Suizid zusätzlich zu ihrer Trauer konfrontiert sind.

  • Scham: quälendes Gefühl des Versagens
  • Schuld: Verantwortlichsein für ein Unglück
  • Stigma: Stich, Wundmal, Makel

In den inneren Prozessen des Trauernden geht es um mögliche Versäumnisse im Miteinander

Darum, im entscheidenden Moment nicht da gewesen zu sein. Nicht wahrgenommen zu haben, an welchem Punkt der Andere stand. Um das Gefühl, auf einer ganz tiefen Ebene verlassen worden zu sein. Oft ohne genau zu wissen, warum. Die Liste lässt sich endlos weiterführen. Hinzu kommt, dass Hinterbliebene nach Suizid oft im Außen zusätzlich mit dem Tabuthema Suizid an sich konfrontiert werden, was die eigene Trauer um ein Vielfaches erschwert.

Hinterbliebener nach Suizid zu sein, verändert das Leben wie keine andere Todesart

Es gibt für mich ein Leben vor dem Suizid. Und es gibt das Leben danach, welches Stück für Stück hinterfragt und wiederaufgebaut werden kann. Ganz langsam und behutsam. Was es dazu braucht, ist ein Einverstandensein mit dem Schmerz, mit der Trauer und mit dem Heilungsprozess, der sich über Jahre hinzieht und immer irgendwie sichtbar bleibt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie heilsam es ist, die Trauer ins Leben zu integrieren

Die Basis für den heilsamen Umgang mit Suizid ist für mich die Überwindung der gesellschaftlichen Hürden, die sich durch die Themen Scham, Schuld und Stigma ergeben. Es liegt an jedem Einzelnen von uns, ein offenes Beispiel zu sein und auf die Menschen zuzugehen, die mit einem unfassbar großen Verlust in ihrem Leben konfrontiert sind. Verbindlich da zu sein. Keine Berührungsängste zu haben. Nicht zu werten, sondern zuzuhören. Mit offenen Ohren und offenem Herzen. So kann Heilung geschehen.


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Caterina Beck-Reichel
Caterina Beck-Reichel
https://www.trauer-und-rede.de I Fotos: Cerstin Jütte