MDR Reportage – Was vom alten Leben bleibt

Das Elternhaus auflösen nach einem Todesfall

Ein gemeinsamer und begleitender Beitrag zur MDR Reportage "Was vom alten Leben bleibt" von Daniela Zörgiebel und Anne Kriesel

Daniela Zörgiebel: Wenn ein Elternteil von uns weicht, trifft uns das meist mit unvorstellbarer Kraft. Es kommt zu Veränderungen und Auseinandersetzungen auf den unterschiedlichsten Ebenen. Jede davon ist eine Herausforderung, die den Betroffenen viel abverlangt. Zahlreiche Aufgaben müssen in kurzer Zeit erledigt werden. Hinzu kommen Entscheidungen, die im Sinne des Verstorbenen zu treffen sind, wie die Beerdigung, Trauerfeier, Versorgung des Haushalts bis hin zu Haushaltsauflösungen. Gleichzeitig wiegt die Trauer schwer, denn diese Formalitäten machen den Tod des geliebten Menschen realer. Es fordert von uns etwas, was wir eigentlich nicht gerne geben wollen. Das destabilisiert und verunsichert.

Ein Stück Heimat aufgeben

Anne Kriesel: Nach dem plötzlichen Tod meines Vaters stand oft die Frage im Raum, ob das Haus gehalten werden kann. Als meine Mutter das erste Mal offen mit dem Gedanken gespielt hat, mein Elternhaus zu verkaufen, schlugen direkt Kopf und Herz in meiner Brust. Der Kopf hat gesagt, „wie vernünftig und weitsichtig. Meine Mutter wird nicht jünger, es entlastet, sich zu reduzieren, weniger Verantwortung, einfach zur Miete wohnen, sich nicht mehr um alles selbst kümmern müssen – auch für uns Geschwister, die wir alle verteilt leben: München, Berlin, San Francisco. Sollte meiner Mutter etwas passieren, wird es für uns leichter sein, den Nachlass zu regeln.“ Dann gab es aber auch das Herz, das immer wieder schwer wurde. Mein Elternhaus – von meinem Opa gebaut, meine Kindheit und Jugend – ein Stück Heimat, das ich verlieren würde, der Ort, den auch meine Kinder unendlich lieben, mit den Kühen im Garten und dem freien Blick auf die Felder.

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Die erste Entscheidung: einfach machen

Wir haben zum Glück sehr schnell in der Familie die Entscheidung getroffen, dass wir es einfach machen müssen, in erster Linie für unsere Mutter. Sie wollte einen Immobilienmakler einsetzen, ich überhaupt nicht. Ich wollte das Haus selbst verkaufen, aber sie war diejenige, die in erster Linie vor Ort die Dinge Regeln musste und so bin ich einen Schritt zurückgetreten und ihren Weg mitgegangen. Im Familiengefüge die Balance zu halten, immer mit einem extra Blick auf die Person, die am direktesten betroffen ist, ohne dabei sich selbst zu übergehen, das war nicht leicht, aber mit viel Kommunikation machbar.  

Jeder Mensch erlebt den Verlust anders

Daniela Zörgiebel: Es ergibt sich innerhalb der Familie eine komplexe Dynamik und Vielfalt im Umgang mit der Trauer. Das Mobile als Metapher kann symbolhaft beschreiben, dass jeder Familienteil mit seinem Umfeld in einer Wechselwirkungsbeziehung steht. Diese Wirkungsprozesse treten nicht nur zwischen zwei Familienmitgliedern auf, sondern zwischen allen – auch in wichtigen außerfamiliären Systemen. Muss uns ein Familienangehöriger verlassen oder ein gemeinsamer Ort aufgegeben werden, müssen sich auch die anderen in Bewegung setzen, damit ein Gleichgewicht wiederhergestellt werden kann.

Je nachdem, unter welchen Bedingungen eine Familie lebt, ergibt sich für jeden Einzelnen eine persönliche Stellung in der familiären Konstellation: welche Rolle habe ich konkret in der Familie und wie handele ich daraus? Was verändert sich, wenn ich einen geliebten Elternteil verliere oder wenn ich den Ort meiner Kindheit nicht mehr besuchen kann? Und was bleibt vom Alten? Mit dem Abschied muss das Gefüge neu organisiert und im besten Falle gemeinsam miteinander gestaltet werden.

Herausforderungen

Anne Kriesel: Abschiede sind immer emotional herausfordernd, je nach Beziehungsintensität leichter oder schwerer. Das habe ich auch beim Abschied von unserem Elternhaus gemerkt. Jede:r hat dabei unterschiedliche Bedürfnisse, Kapazitäten und Rollen. Das anzuerkennen und genau hinzuhören, wer was braucht ist herausfordernd, aber diese Kraft aufzubringen lohnt sich. Für meinen Bruder, der in den USA lebt, war der Abschied vom Haus auch schwer, aber er hat schon viel früher Abschied genommen und stand im Prozess an einer anderen Stelle als ich. Das nicht zu bewerten, sondern einfach zu sehen, war wichtig für uns. Wir haben uns viel darüber ausgetauscht, wer zu welcher Zeit an welchem Punkt steht und wie es uns damit geht, das hat uns geholfen.

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Wenn sich Menschen vom Ort ihrer Kindheit verabschieden müssen, kann das verletzen

Daniela Zörgiebel: Ist dieser Ort in erster Linie positiv geprägt, erleben wir tiefe Traurigkeit und einen Einschnitt in unser Leben. Denn wir sind mit dem Ort verbunden, den wir lieben. Der schmerzliche Verlust besteht darin, dass der Verstorbene und das Familienhaus nicht mehr da sind. Dies ist der Anfang der Trauerbegleitung.

Kinder trauern - Abschied gestalten

Anne Kriesel: Meine Kinder waren fassungslos, als wir sie über die Pläne, das Haus zu verkaufen, informiert haben. Mir war klar, dass auch sie im Prozess besonders begleitet werden müssen.

Wie habe ich das gemacht?

  • Wir haben ein Fest geplant, einen bewussten Abschied mit Lachen und mit Raum fürs traurig sein.
  • Ich bin sehr regelmäßig mit den Kindern hingefahren, so hatten sie Gelegenheit, Schritt für Schritt Abschied zu nehmen und die Veränderungen im Haus wahrzunehmen. Das Haus war bei jedem Besuch etwas leerer, die ersten großen Möbel sind verschenkt worden und die neue Wohnung nahm Gestalt an. Das alte geht, das neue wächst – das war unser Bild in der Zeit.
  • Wir haben gemeinsam überlegt, was so wichtig ist, dass wir es behalten wollen. Für meine Tochter war es der Sessel meines Vaters, mein Sohn wollte gerne den herausziehbaren Wasserhahn von der Oma haben.
  • Es war ihnen immer wichtig zu wissen, wie oft sie das Haus noch sehen. Transparenz und verlässliche Aussagen waren hier ganz wichtig.
  • Sie waren am Abschiedsprozess beteiligt, indem wir hingehört und umgesetzt haben, was sie für ihren persönlichen Abschied brauchen.
  • Neue Rituale entwickeln am neuen Ort, das steht noch auf unserer Liste, allerdings haben die Kinder coronabedingt die neue Wohnung noch nicht sehen können.

Etwas was geht - bleibt

Daniela Zörgiebel: Im Trauerprozess beginnen wir uns langsam und unmittelbar mit dem zu identifizieren, was nicht mehr ist. Wir setzen uns mit Gegenständen (auch der verstorbenen Person) auseinander und beginnen bewusst wahrzunehmen, wie viel wir gemeinsam hatten. Dank dieses Ortes bin ich der Mensch, der ich bin. Das inspiriert, verbindet und bedeutet Dinge zu tun, die diesem Stück Heimat gewidmet sind. Dieser Prozess der Identifikation kann als wertschätzende Brücke gesehen werden, die Mut braucht und Neuorientierung schenkt. Eine Freude an Dingen, die mich erinnern lassen.

Es geschieht eine Umwandlung der einsamen und schmerzlichen Trauer in eine Geschichte, die dem eigenen Leben einen zusätzlichen Sinn schenkt. Damit wird das Trauererleben fruchtbar und schafft eine Beziehung zum Abschiednehmen. Etwas was geht bleibt in mir und bei mir. Der Zauber des Anfangs von etwas Neuem.

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