Vorbereitung auf deinen letzten Tag, aus Sicht einer Sterbeamme

Welchen Film möchtest du sehen?

Am Ende deines Lebens läuft nochmal der Film deines Lebens ab. „Welchen Film möchtest du sehen?“ Diese Frage stelle ich öfters Menschen in meinen Vorträgen. Da wird erst mal geguckt, in den Augen ein großes Fragezeichen. Es dauert ein wenig, bis die Frage verstanden wird.

Doch wenn sie verstanden wird, hat sie Konsequenzen, wenn ich die Antwort ernst nehme. Ja, ich bin für meinen Lebensfilm verantwortlich, nicht jemand anderes. Ja, ich bin Regisseur*In meines Lebens, jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde, und am besten fange ich jetzt damit an, einen schönen Film zu drehen.

Auch die Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens, sei es, dass ich selbst betroffen bin, weil ich eine lebensbedrohliche Diagnose bekommen habe oder dass ich am Sterbebett eines Menschen stehe, kann meine Denkweise verändern, eine Wendung im Leben hervorrufen. 

Die Begegnung mit dem Tod stellt das Leben auf den Kopf

Denn die Begegnung mit dem Tod stellt mein eigenes Leben auf den Kopf. Und stehst du auf dem Kopf, fällt alles aus den Taschen, was schwer ist und überflüssig ist.

Die berühmte Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross sagte: “Das Sterben wird leicht, wenn du deine unerledigten Dinge erledigt hast.“

Es ist also eine gute Vorbereitung auf das Sterben 

  • Dinge zu erledigen,
  • sich von Ballast zu befreien
  • und jeden Tag einen schönen Film zu drehen.

Einen schönen Film zu drehen ist wohl dabei noch das einfachste, nämlich in all dem Trubel, der Hektik, dem Stress und den Anforderungen des Alltags auch Momente der Freude einzubauen: einen Waldspaziergang, einen Eisdielenbesuch, einen Kaffeeratsch mit der besten Freundin, einen Konzertbesuch, ein Bild malen usw.

Jeder Mensch ist selbst dafür verantwortlich, sich solche Oasen zu bauen, oder möchtest du in deinem letzten Film nur sehen, wie du tagtäglich gerannt und Aufgaben erledigt hast, um anderen Menschen gerecht zu werden?

Ich habe eine Frau begleitet, die in ihrem Sterbebett mit großen, traurigen Augen zu mir sagte: „Ach wie gern hätte ich jetzt ein Eis.“ Sie konnte nichts mehr essen, da ihr Magen voller Metastasen war. „Als ich noch essen konnte, bin ich immer an einer Eisdiele vorbei gegangen, weil ich mich um meine Figur sorgte.“

„Hätte ich nur dies oder jenes getan …“ das höre ich oft von Sterbenden. Tun wir es jetzt, anstatt „hätte“ zu sagen, sagen wir am Ende des Lebens hoffentlich „Ja, das war ein schönes Leben, ich habe nichts versäumt, ich bereue nichts, das möchte ich gleich nochmal, dieses Leben leben.“

Sich von Ballast zu befreien, ist Befreiung

Sich von Ballast zu befreien, ist Befreiung. Das weiß jeder Mensch, der mal einen Kleiderschrank ausgeräumt hat oder die Wohnung ausgemistet hat.

Dinge hergeben, verschenken, wegwerfen ist manchmal nicht so leicht, aber es macht leicht.

Etwas freigeben und loslassen schmerzt. Das wissen Eltern, deren Kinder ausziehen, das wissen Menschen, die verlassen werden vom Lebensgefährten oder der Ehepartnerin und es wissen Menschen, die durch den Tod einen Verlust erleben mussten.

Üben wir aber das Loslassen immer wieder im Lauf unseres Lebens, fällt es am Ende unseres Lebens leichter, das Leben loszulassen.

Ein schönes Ritual aus dem Sterbeammenkoffer ist das Abschiedsfest.

Wenn ein Mensch weiß, dass er nicht mehr lang zu leben hat, kann er ein Fest gestalten mit all seinen lieben Menschen und jedem ein Geschenk überreichen, seinen Lieblingspullover, sein Lieblingsbild, seine Kuscheldecke etc.

Eine Frau, die ich begleitet habe, hat mir ihren Wäscheschrank geschenkt. Aus dem Sterbebett schaute sie zu, wie er rausgetragen wurde. Und ich denke nun jedes Mal an sie, wenn ich diesen Schrank öffne. Sie sorgte dafür, dass sie nicht vergessen wird, denn nur wer vergessen wird ist tot.

Unerledigte Dinge erledigen

Es ist gut, unerledigte Dinge zu klären. Da geht es sehr oft um das Verzeihen.

In der Nachtschicht im Krankenhaus klingelte einmal um 3 Uhr früh eine Frau und sagte, ich solle nun ihren Sohn anrufen, sie werde sterben. Ich war etwas irritiert, denn die Dame schaute nicht nach Sterben aus. Ich rief ihren Sohn jedoch an, der kam – und ich durfte dabei sein, als Mutter und Sohn sich nach jahrelangem Schweigen versöhnten. Dann wollte die Dame noch ein Weihwasser, schlug das Kreuz, legte sich hin und starb.

Das Sterben kann einfach sein, wenn man sich gut darauf vorbereitet. Indianer oder Aborigines wissen das. „Heute ist ein guter Tag zum Sterben“ sagen sie, gehen in die Steppe, setzen sich hin und sterben.

Es geht also, das leichte Sterben.

Begleitet man einen Sterbenden, sind Versöhnungsrituale und Vorbereitungsrituale auf den Tod sehr wichtig. Familienaufstellung können dabei helfen, unerledigte Dinge zu erledigen.

Sterbeammen können dabei helfen, sie stehen mit festen Beinen bereit, um zu einem friedlichen Ende beizutragen. Sie verfügen über das Wissen um die Sterbeprozesse und über einen großen Werkzeugkoffer, gefüllt mit Geschichten, Ritualen und Handwerkszeugen, in den sie hineingreifen können.

Sie wissen um eine gute Kommunikation, wenn Worte fehlen. Sie sind überkonfessionell. Sie bestärken die Freiheit und das Recht jedes Menschen, so zu sterben, wie er möchte. Auch, wenn er es vorzieht, allein zu sterben.

Jeder im nahen Umfeld sollte einverstanden sein, dass der Sterbende gehen darf.

Nur so kann ein Mensch in Frieden sterben.

Carpe diem.

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