Väter von gestorbenen Kindern und von Sternenkindern

Warum die Väter von gestorbenen Kindern und von Sternenkindern allzu leicht aus dem Fokus geraten – und was das mit ihrer eigenen Trauer macht

Eltern von Kindern haben es in unserer Gesellschaft (immer noch) nicht leicht. Eltern von toten Kindern erst recht nicht. Vor allem, weil ein gestorbenes Kind ein Tabuthema ist, an das sich keiner herantraut. „Ihr könnt ja noch eins machen“. Mit einem solchen oder einem ähnlichen Satz wird das meistens abgetan. Ohne sich klar zu mache, was mit dieser lapidaren Aussage alles vom Tisch gewischt wird: Die Katastrophe, die der Verlust bedeutet; der Schmerz, der allerfassend sein kann; die Würdigung, die das tote Kind verdient hat. Um ein Kind zu trauern, sollte man meinen, ist eine Gemeinschaftsaufgabe für die Mama und den Papa. Dem ist aber nicht so. Meistens steht die Mama im Vordergrund.

Die Papas fallen allzu oft durchs Raster. Dabei ist ihr Leid ebenfalls groß.

Wie die Deutsche Presse-Agentur im Jahr 2016 schrieb, gibt es Schätzungen zufolge bundesweit jährlich zwischen 100 000 und 200 000 Fehlgeburten. Aber noch viel wichtiger ist diese Aussage: „Anders als bei Totgeburten – das sind Föten über 500 Gramm – besteht keine Meldepflicht. Die Anzahl der Kinder, die mit weniger als 500 Gramm lebend zur Welt kommen und dann sterben, ist nicht bekannt“, so schrieb es die dpa. Tatsächlich gibt es eine große Dunkelziffer, weil sich Eltern von Sternenkindern auch selten in die Öffentlichkeit trauen.

Wenn ein Kind unterwegs ist, verfallen die werdenden Eltern allzu oft in altbekannte Rollenklischees.

Der Mann wird dann wieder zum Verdiener, Versorger und Arbeiter, die Mutter geht ganz in der Mamarolle auf. Dementsprechend schwebt nach einer stillen Geburt oder dem Tod eines Kindes auch oftmals diese unausgesprochene Erwartungshaltung im Raum: Die Mutter braucht den Trost, der Vater muss stark bleiben. Allen modernen Wandlungen zum Trotz – die Macht dieser althergebrachten Klischeebilder ist gewaltig. Das setzt die Papas unter Druck – ihr eigenes Leiden darf nicht im Mittelpunkt stehen. Nirgends.

Eine Google-Suche mit den Stichworten „Sternenkind Papa“ führt einen jedenfalls nicht weiter. Nur einen Leidensbericht eines Vaters findet die Suchmaschine, veröffentlicht vom christlichen Magazin Chrismon. Und eine Zusammenfassung des Portals „Papa.de“, das zum Thema auch nicht allzu viel anbieten kann – immerhin gibt es eine eigene Facebookgruppe für betroffene Papas, wie das Portal berichtet. Doch schon der am Ende des Artikels angefügte Link zu einem speziell für Väter eingerichteten Selbsthilfeverein in Dresden führt ins Leere: Fehler 404, leider nichts gefunden.

Wer als Papa sein Kind verloren hat, der wird oft als schweigsam und in sich gekehrt wahrgenommen.

Das habe ich nicht nur bei den verwaisten Vätern, die ich begleiten durfte, als eine der oft gewählten Strategien erlebt: Dass sie gerade zuhause versucht haben, den Laden am Laufen zu halten und sich um irgendetwas zu kümmern, sei es etwas so Banales wie die wöchentliche Fahrt zum Getränkemarkt oder vielleicht etwas Handwerkliches. Auch um sich selbst gegenüber diesen Beweis von Selbstwirksamkeit liefern zu können: Ich kann immerhin noch dieses oder jenes tun. Immerhin noch Getränke holen. Es fällt Frauen manchmal schwer, in einem solchen Tun einen Ausdruck von Ohnmachtserleben zu sehen, weil sich das auf der logischen Ebene so sehr widerspricht. Trotzdem kann es das sein. Und gleichzeitig ist es ein zusätzlicher Druck, den Männer damit auf sich selbst ausüben: Wenn ich noch nicht mal mehr das hier tun kann, dann geht echt gar nichts mehr. Ich glaube, auf dieser Ebene greifen ganz archaische Muster und Verhaltensweisen, gegen die selbst unsere modernen und sich verändernden Männerbilder noch zu machtlos sind. 

Jedes gestorbene Kind, egal in welchem Alter, ist eine emotionale Katastrophe für die Eltern.

Beide Eltern. Das Kind hatte einen Namen, soviel ist sicher. Es hatte ein Kinderzimmer, in dem es wohnen sollte (oder, später, gewohnt hat). Und so ist das Wichtigste im Umgang mit Eltern, die ein Kind verlieren mussten, ihnen das zu spiegeln: Dass es sich dabei immer um den Verlust von etwas Unersetzlichem handelt. Dass ihr Schmerz so tief sein darf, wie er sich anfühlt. Dass das dazugehört. Dass sie sich aber völlig zu Recht als Eltern fühlen dürfen, als Eltern eines Kindes, auch, wenn dieses leider nicht lange leben durfte.

Das gilt für die Mama. Aber genauso für den Papa.

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Thomas Achenbach
Trauerbegleiter