Trauerreden und Selbstwirksamkeit

Trauerreden...

und Selbstwirksamkeit

Manchmal staunen die Menschen über Vorschläge und Varianten, den Abschied zu feiern. Auch die Möglichkeit, eigene Ideen miteinzubringen oder selbst ein paar Worte zu sprechen, ist den wenigsten bekannt. Ich möchte Trauernde ermutigen, sich aktiv an der Gestaltung der Trauerfeier zu beteiligen. 

Selbstwirksamkeit – was ist das eigentlich?

Der Begriff der Selbstwirksamkeit wurde von dem amerikanischen Psychologen Albert Bandura geprägt. Er spricht dabei von der Überzeugung einer Person, auch in schwierigen Situationen die Herausforderungen aus eigener Kraft meistern zu können. Selbstwirksamkeit dient der eigenen Resilienz und hat viel mit den gemachten Erfahrungen in unserem Leben zu tun:

– Was sind meine Stärken?

– Wer ist eine Vertrauensperson, die mich beim Aufbau meiner Selbstwirksamkeit fordern und fördern kann?

Und was bedeutet das in Bezug auf Trauerfeiern?

Die Trauerfeier ist ein unglaublich wichtiger Teil für den Trauerprozess. Ich nenne es mal so: Der Abschied wurde meist in den Tagen vor der Trauerfeier genommen, aber loslassen müssen die Zugehörigen ab diesem Tag endgültig. Das Herunterlassen des Sarges, das Hineingleiten lassen der Urne ins Meer: Wir geben in diesem Moment die sterblichen Reste eines geliebten Menschen, den Körper, das, was wir anfassen und umarmen durften, her. Wir lassen also los …

Zudem ist in unserer Gesellschaft der Tod noch immer ein Stück tabuisiert und wird nicht, wie es früher einmal war, als selbstverständlich erlebt. Früher starben die Menschen zu Hause. Es wurde sich bei einer Aufbahrung verabschiedet und die Beerdigung folgte einem strikten Ritus. Heute ist das anders.

Der Tag der Trauerfeier und die Zeremonie laden zum Abschied ein. Doch längst nicht mehr nach bestimmten Vorgaben. Sondern so, wie es sich die Zugehörigen wünschen und nicht, wie das Umfeld es erwartet. Dazu ist es wichtig, neben der Bestattung als solche auch den oder die richtige Trauerredner:in zu finden. Eine Vertrauensperson, die unterstützt, die sich einlässt und das Vertrauen gibt, dass wir am Tag der Trauerrede genügend Ressourcen haben, um den Weg der Trauer gehen zu können.

Trauerfeiern und Trauerreden – so individuell wie die Persönlichkeit des Menschen

Vielmals diskutiert wird der Faktor Zeit für eine Trauerfeier, denn je nach Ort und Vorgaben variieren die Möglichkeiten schon sehr. Das A und O für eine gelungene Rede aber ist und bleibt der Kontakt zu den Zugehörigen. Es bleibt manchmal nicht viel Zeit zur Vorbereitung. Aber genau diese ist so wichtig: Denn hier gilt es, die Entscheidung zu treffen, was gesagt werden soll, was nicht und welche Rituale oder Wünsche zur musikalischen Begleitung vielleicht schon mit dem Bestatter besprochen worden sind, um diese aufzugreifen.

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Kerstin Leyendecker - Freie Trauerrednerin

Perspektiven und Sichtweisen

Herausfordernd bis schwer kann es werden, wenn zu viele Personen am Tisch sitzen und jeder aus seiner Perspektive erzählt. Manches Mal kommt eine Flut an Informationen, Sichtweisen und Blickwinkeln zusammen. Es ist nicht immer leicht, dabei den Überblick zu behalten und die Essenz herauszufiltern. Aber auch das macht gute Trauerredner:innen eben aus: filtern, zuhören und verstehen. Sich einfühlen, empathisch sein, die innere Haltung bewahren, aufnehmen, was ist, um dann auf den Punkt so zu beschreiben und erzählen zu können, als hätte sie oder er den Menschen selbst gut gekannt.

Eine Trauerfeier ist nicht zu wiederholen. Mit den richtigen Partner:innen an der Seite, werden Menschen in ihrer Trauer so begleitet, dass sie im Anschluss an den Tag der Beisetzung das Gefühl haben: es war ein schöner Abschied! Das braucht manches Mal auch ein wenig Mut und Offenheit, denn Trauerredner:innen können nur so viel und nur das formulieren, was ihnen offenbart worden ist.

Bestattungskultur im Wandel

Der Tod gehört zum Leben. Trauer ist keine Krankheit. Trauer braucht Persönlichkeit. Der Wunsch nach Individualität und die Zeit zur Erstellung einer persönlichen Trauerrede und die liebevolle Begleitung erfordern Mut, Offenheit und professionelle Unterstützung. 

Im Sinne der Selbstwirksamkeit ist es wichtig, dafür Sorge zu tragen, uns und unsere Trauer ein Stück mehr in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen. Nicht nach vorgefertigten Mustern, sondern individuell und einzigartig, wie wir nun mal sind.

Es ist schön zu beobachten, dass die wertvolle Arbeit rund um das Thema Trauer langsam aber stetig den verdienten Platz in unserer Gesellschaft bekommt, den sie braucht. Denn wir leben in einer schnelllebigen Zeit, in der es wichtig ist, unsere eigene Mitte zu bewahren.

 

Text und Bilder: Kerstin Leyendecker

Kerstin Leyendecker ist Kommunikations- und Betriebspsychologin. Nach einer Karriere in der Personalentwicklung arbeitet sie freiberuflich als Coach und Dozentin in der Begleitung von Menschen und Unternehmen in Veränderungsprozessen. In der Trauerbegleitung und als Freie Rednerin auf Trauerfeiern ist ihr vor allem eines wichtig: Den Menschen in seiner Wirklichkeit wahrzunehmen und bedürfnisorientiert zu begleiten. Sie lebt mit ihrer Familie im ostwestfälischen Herford.

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