Trauer sollte nicht bewertet, sondern gestützt und begleitet werden

Als ich in den letzten Tagen „Larissas Vermächtnis“ von Katy Biber gelesen habe, dachte ich irgendwann, dass es zwar um den Mord an Katys Schwester Larissa geht. Dass es aber auch eine große Liebeserklärung von Katy an ihre gesamte Familie ist. Beim Nachdenken über das Wort  Liebeserklärung fiel mein Blick besonders auch auf das Wort Erklärung. Denn ich hatte den Eindruck, dass es Katy ein großes Bedürfnis ist zu erklären, was da eigentlich mit ihr und ihrer Familie passiert ist.

Diese Urgewalt, die auf alle eingebrochen ist aus allen Richtungen. Das hat sie durchgeschüttelt, zerrissen, zusammengewürfelt und ganz viel mit ihnen gemacht als Familie. Katy schafft es, einen unbegreiflichen Mord ein Stück begreifbarer zu machen. Sie zeigt die tiefen Tiefen, in die man gleiten kann in der Trauerzeit und beschreibt den Kraftakt, sich da wieder rauszuboxen. Da kommt man durch. Es ist hart. Es tut weh. Es hört auch nie ganz auf, aber es kann gehen. Man lebt dann Leben Plan B. Und ein Plan B-Leben kann auch sehr schöne und wertvolle Momente bereithalten.

Mein Gespräch mit Katy Biber

Anne: Beim Lesen deines Buches „Larissas Vermächtnis“ schwebte ich immer zwischen Dankbarkeit, dass du mir diese Innensicht als Leserin ermöglichst und Momenten von emotionaler Überforderung, weil man wirklich so nah dabei ist. Der letzte Abend mit deiner Schwester, die Suche, die Ungewissheit, dann die Gewissheit, dass sie tot ist und ermordet wurde und das kaum auszuhaltende Wie. Der lange und harte Weg durch die akuten Trauerphasen. In Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich mich gefragt, wie wir über dein Buch sprechen. Da gibt es Verbundenheit, aber auch Sorge, etwas Falsches zu sagen. Das kennen bestimmt viele im Umgang mit Trauernden.

Katy, wie geht es dir heute? Wie möchtest und kannst Du gerade über dein Buch und Larissa sprechen?

Katy: Heute geht es mir gut. Mittlerweile kann ich eigentlich immer gut reden. Wenn ich über meine anderen beiden Schwestern spreche, dann werde ich manchmal traurig, weil ich dann an das denke, was alles nicht gut gelaufen ist damals, aber grundsätzlich kann ich das. An besonderen Tagen fällt es mir manchmal schwer, an Larissas Geburtstag beim Seelenlauf zum Beispiel, da halte ich immer eine Rede, dann weine ich mal eine Runde und dann geht das aber auch wieder. Heute ist alles gut.

Anne: Du sprichst sehr offen über die Gefühle und Emotionen in der Familie, das tut beim Lesen manchmal weh. Deine Schwester Anna trägt viel Wut in sich. Deine kleine Schwester Mara verliert sich nach dem Mord immer mehr und muss auch in die Psychiatrie. Als Leser:in erlebt man euch innerhalb der Familie entzweit und verworfen. Schuld, Schuldzuweisungen, Wut, Verzweiflung und die Kälte mitzuerleben, ist hart. Und gleichzeitig ist es so ehrlich und ich konnte jede:n verstehen in seiner Rolle. Deine Mutter hat dich ermutigt, das Buch genau so zu veröffentlichen. Wie haben deine Schwestern das Buch gelesen?

Katy: Bevor sie es gelesen haben, hat Anna gesagt: da bin ich gespannt, wie schlimm du mich beschreibst. Anna wusste ja auch, wie sie damals zu mir war. Das war oft nicht schön, aber so war es halt. Sie geht jetzt humorvoll damit um, sie hofft, dass sich andere in ihr wiederfinden. Wir hatten ein sehr ruhiges und intensives Gespräch, als es um das Thema Schmerzensgeld ging. Anna war die einzige aus der Familie, die vom Staat kein Schmerzensgeld zugesprochen bekommen hat. Nach Revision wurde ihr dann die Hälfte von unserem Schmerzensgeld zugesprochen. Das war der schlimmste Tag für sie nach Larissas Tod. Wenn es ihr schlecht geht, fällt sie auch heute noch zurück und denkt, sie hat kein Recht auf Trauer und Traurigsein. Das hat der Staat ihr offiziell attestiert. Ihr Gefühl ist oft, dass es bei ihr ja nicht so schlimm sein kann. Das war ein Skandalurteil und ich tue alles dafür, dass sich da etwas politisch ändert. Auch dafür habe ich das Buch geschrieben. Mara war beim ersten Lesen überrascht. Ihr war überhaupt nicht bewusst, wie schlimm ich ihren Zustand damals erlebt habe in der Psychiatrie. Ihr gefällt das Buch aber sehr und sie wünscht sich, dass sich junge Menschen in der Trauer helfen lassen. Sie hat sehr unter dem Stigma Psychiatrie gelitten. Ich habe ihr dann vor kurzem eine E-Mail gezeigt, die mich erreicht hat. Eine Mutter hat ihren Mann bei einem Autounfall verloren. Sie hat mein Buch gelesen und in meiner Schwester Mara ihre Tochter wiedererkannt. Sie hat ihrer Tochter das Buch gegeben und die meinte im Anschluss, dass sie glaubt, dass sie auch Hilfe braucht. Ich habe Mara gesagt, schau, da gibt es ein Mädel, das lässt sich nun in ihrer Trauer begleiten – deinetwegen – das hat sie so sehr gefreut. 

Anne: Das Thema Schmerzensgeld, die Bewertung der Trauer und die unterschiedliche Bewertung innerhalb der Familie, das hat mich beim Lesen wütend gemacht. Jetzt kämpfst du als große Schwester für mehr Gerechtigkeit. Das „große Schwester sein“ – das kenne ich. Der unerwartete Tod eines Familienmitgliedes bringt ein Familiengefüge wohl immer durcheinander. Verstirbt ein Elternteil plötzlich, passiert es oft, dass das älteste Kind mehr Verantwortung tragen muss. Was ist bei euch innerhalb der Familie passiert nach dem Tod deiner Schwester Larissa?

Katy: Ganz klar, ich habe ganz schnell die Mutterrolle übernommen. Meine Mutter war kraftlos und ich immer schon die Macherin. Meine Mutter konnte das nicht. Und dadurch, dass ich in Innsbruck gelebt habe, hatte ich auch die Nähe zur Kriminalpolizei und zu meiner Schwester Mara in der Psychiatrie. Ich habe die Erledigungen gemacht. Alles, was sonst vielleicht die Eltern machen. Aber ich war dann so drin in der Rolle. Ich musste auch stark sein, für meine Mama, die ihr Kind verloren hat, nichts mehr tun konnte und die wieder zu Kräften kommen musste. Ich bin die Älteste und mache das einfach. Im Nachhinein haben wir viel darüber gesprochen. Meiner Mutter tut das sehr leid und sie hat sich entschuldigt, aber sie konnte es nicht anders in der Zeit. Ich mache ihr da auch keine Vorwürfe, jeder von uns hat zu der Zeit das Beste getan.

Anne: Dein Buch ist in den Bestsellerlisten. Es trägt den Subtext: Der schreckliche Mord an meiner Schwester und mein Weg zurück ins Leben. Was glaubst du, warum kaufen Menschen dein Buch? Wollen sie mehr über den schrecklichen Mord lesen oder über deinen Weg zurück ins Leben?

Katy: In Tirol waren viele an der Suche nach Larissa beteiligt. Aus den Rückmeldungen in den Mails habe ich erfahren, dass sich viele in den Wochen später gefragt haben, wie es uns als Familie weiterhin ergangen ist. Die anderen, die zufällig auf das Buch stoßen in der Buchhandlung, suchen konkret Hilfe und denken, wenn die das überlebt hat, dann kann ich meine Trauer auch bewältigen. Und ich glaube die dritte Gruppe, das sind die Menschen, die Lebensgeschichten und Lebenswege grundsätzlich interessieren, so wie meine Mama, die liest gerne alle möglichen realistischen Geschichten.

Anne: Du stellst dir an einer Stelle im Buch selbst die Frage, warum so viele fremde Menschen an der Verhandlung teilnehmen wollten. So nah ran wollen an so viel Grausamkeit. Du erklärst dir das so, dass Handlungen, die man nicht verstehen kann, auf Menschen faszinierend wirken. Ganz bewusst bekommt die Verhandlung keinen Raum in deinem Buch, warum?

Katy: Ich wollte zeigen, dass man bei genauerem Hinsehen überall und ständig konfrontiert wird mit dem Thema Mord. In Krimis, in Serien und jetzt gibt es sogar auch Events zum Thema wie das „Krimidinner“, einem Rollenspiel. Aber diese Dinge passieren einfach wirklich. Und für mich sind solche Formate wie das Krimidinner einfach furchtbar als Angehörige. Aus anderen Todesursachen, wie beispielsweise einer Krebserkrankung, wird auch kein Event gemacht. Für viele Menschen ist ein Mord so abstrakt. Aber nein – es kommt vor und ist durchaus real. Es war mir wichtig, im Buch zu zeigen, wie das reale Leben dann ausschaut. In diesen ganzen Formaten geht es auch immer um die Tat, den Mörder und den Fall, aber nie um die Angehörigen. Ich wollte den Fokus richtig setzen. Nicht auf den Täter, die Verhandlung, sondern auf die Opfer.

Anne: Du hast dich damals entschieden, nicht beim Prozess dabei zu sein und beschreibst das als beste Entscheidung. Ich konnte das gut verstehen, denn du hattest bereits alle Informationen und kanntest alle schlimmen Details. Du warst nach dem Mord psychisch und physisch regelrecht am Boden. Du beschreibst das sehr eindringlich und gehst sehr offen mit den Auswirkungen um, übermäßiger Alkoholkonsum, Haarausfall, Magen-Darm-Probleme. Als Leserin hatte ich das Gefühl, du warst mit der Entscheidung gegen die Teilnahme am Prozess endlich wieder handlungsfähig. Was würdest Du sagen, was war der Punkt, an dem du wieder Zuversicht erahnt hast. Was war der Tief- und Wendepunkt in deiner Trauerzeit?

Katy: Es ging definitiv bergauf, als ich mit dem Sport angefangen habe. Und als ich entschieden habe, den Verhandlungstag am Gardasee zu verbringen. Das waren tatsächlich die riesigen Wendepunkte. Ich denke auch, mein Besuch bei Mara in der Psychiatrie zählt dazu – als ich gesehen habe, wie schlecht es ihr ging, Suizid ein großes Thema war. Da wurde mir klar, dass ich etwas ändern muss für sie, ich muss mit dem Trinken aufhören und für sie da sein. Ich muss dafür sorgen, dass wir endlich wieder Glück empfinden können in unserer Familie.

Anne: Dein Buch ist auch ein Begleiter durch die eigene Trauer. Du bist inzwischen Trainerin und hast mit deinem Konzept Seelensport eine Verbindung geschaffen, Körper und Geist in der Trauerzeit wieder zu verbinden. Was ist dir wichtig als Begleiterin durch die Trauer?

Katy: Ich glaube, eine der wichtigsten Sachen ist, dass jeder Mensch so trauern darf, wie er gerade trauern kann. Und dass alles ok ist wie er es gerade macht und dass das nicht bewertet, sondern unterstützt und begleitet wird. 

Anne: Ihr wurdet von außen begleitet, durch eine Familientherapie?

Katy: Ja, wir durften keine Familientrauerbegleitung machen, weil Mord unter Trauma fällt und das nicht über die Trauerbegleitung abgedeckt wird. Die Familientherapie war ein Schlüssel dafür, dass wir es geschafft haben. Also die Möglichkeit zu haben, aber auch von uns allen in der Familie die Bereitschaft zu zeigen, sich zu öffnen und uns den ganzen Themen offen und ehrlich zu stellen. Das kann ich echt sagen, das ist der Grund, warum wir das als Familie geschafft haben. 

Anne: Nächste Woche ist der Geburtstag von Larissa. Du hast aus diesem Anlass den Seelenlauf ins Leben gerufen. In diesem Jahr läufst du 28 Kilometer – Larissa wäre am 20. Juni 28 Jahre alt geworden. Ein wichtiges und heilsames Ritual für dich. Was bedeutet der Seelenlauf für dich?

Katy: Ich bin so froh, dass der Seelenlauf in der nächsten Woche am 20. Juni nun stattfinden kann. Das ist ein wichtiger Tag, an dem ich auch auf das Thema Gewalt an Frauen aufmerksam machen kann. Jede:r Teilnehmer:in spendet mit einer Startgebühr an das Frauenhaus in Tirol. Und ich genieße die vielen Gespräche mit den Teilnehmer:innen. Aufgrund meiner Knieprobleme kann ich nicht die ganze Distanz laufen. Aber wenn das Knie streikt, spaziere ich ein Stück und die Spaziergänge nutze ich für schöne und intensive Gespräche. Das tut allen gut. 

Anne: Danke, Katy!