Superhelden fliegen vor – Aktion zum Welthospiztag

Bohana unterstützt die Initiative Superhelden fliegen vor

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Anne Kriesel
Gründerin Bohana

Die Initiative Superhelden fliegen vor ist eine Initiative des Künstlers Dada Peng für junge Sterbende und ihre Freunde. Ziel ist es, auf die sozialen und kulturellen Belange von jungen Sterbenden aufmerksam zu machen und Angebote in der Sterbebegleitung für junge Menschen zu schaffen. Heute, am 10.10.2020 ist Welthospiztag und Dada Peng hat eine schöne Aktion dazu ins Leben gerufen. Auf Instagram und Facebook ruft er dazu auf, an die persönlichen Superhelden und Superheldinnen zu erinnern, die bereits vorgeflogen sind. Jede:r kann sich beteiligen und über eine:n Superheld:in erzählen, die:der bereits vorgeflogen ist. Ich tue das auch, eine meiner Superheldinnen ist meine Oma, die mein ehrenamtliches Engagement im Hospiz sehr geprägt hat. 

Meine Superheldin - und was sie mit meinem Ehrenamt im Hospiz zu tun hat

Meine Oma hatte eine große Gabe: sie war kommunikativ und konnte sich gut auf Menschen mit ihren unterschiedlichsten Biographien einlassen. Sie hat jahrelang ehrenamtlich in einer Psychatrie die besten Waffeln der Stadt gebacken. Ich habe sie oft begleitet, ihr bei den Vorbereitungen geholfen und durfte sie dabei erleben, wie sie Menschen, die wirklich schlimmste Schicksale erlebt haben und teilweise sehr herausfordernd in der Kommunikation waren, immer auf Augenhöhe begegnet ist. Das habe ich bewundert, das hat mich sehr geprägt und ehrenamtlich arbeiten – das wollte ich auch. Ich wollte aber keine Waffeln backen, sondern über das Leben und – wenn man möchte – auch über den Tod sprechen und so bin ich vor einiger Zeit zu einem Berliner Hospiz gekommen.

Die erste Begleitung vergißt man nie

Die Dame, die ich begleite ist mental noch sehr fit und hat mich direkt im ersten Gespräch auf dem falschen Fuß erwischt. Typisch berlinerisch schroff und herzlich zugleich fragte sie: „Und wie kommt man dazu – vom Luxusbezirk Prenzlauer Berg – sich hierhin zu setzen?“

Uff, mein Prenzlauer Berg-Rechtfertigungsmodus setzte reflexhaft ein, ich wohne da schon seit über 10 Jahren, früher war das noch nicht so und jetzt kann ich es mir gar nicht mehr leisten, umzuziehen. Sie lächelte, ich bin drauf reingefallen – sie wollte mich nur foppen und das Eis brechen. Ein bisschen wie meine Oma, schoß es mir durch den Kopf und ich entdeckte im Lauf der Zeit noch weitere Parallelen. Das fühlte sich warm an und vertraut und gleichzeitig bin ich immer noch etwas unsicher, weil wir uns gerade erst kennenlernen.

„Und was würden Sie machen, wenn sie hier liegen würden?“ Uff, ähm – Schweigen. Ich bin wirklich nicht auf den Mund gefallen, aber diese Frage hatte mich direkt wieder kalt erwischt. Stille auf meiner Seite, weil ich überlegt habe, das Richtige sagen wollte, sie hat dann nochmal eindringlich nachgefragt. Ich wusste es nicht. Ich wusste einfach nicht, was die richtige, achtsame und beste Antwort sein konnte. Was für ein Start…

„Ich weiß es nicht“, habe ich gesagt. Es ist sicher ein Unterschied, ob ich jetzt – mit dem Wissen, zwei kleine Kinder so klein zurücklassen zu müssen – hier liegen würde oder auf über 80 Jahre zurückblicke. Aber vielleicht ist das auch nicht so. Der Abschied von meinen Liebsten wird mich schließlich auch mit 80 oder 90 sehr schmerzen. Ich weiß es also wirklich nicht.

„Ich weiß es auch nicht“, sagte sie, „ ich gucke einfach, was kommt.“

Ich komme sie in der nächsten Woche wieder besuchen

Wir haben uns noch gut und angeregt über unsere Leben und Familien ausgetauscht, uns besser kennengelernt und uns für die nächste Woche verabredet. Natürlich ist mir in der Theorie bewusst, dass es gut sein kann, dass man sich nicht wiedersieht in der nächsten Woche. Vielleicht ist es naiv gewesen, aber ich konnte den Gedanken nach meinem ersten Besuch tatsächlich nicht zulassen. So fit und frech und voller Leben…

Wir sehen uns seitdem wöchentlich und langsam verändert es sich. Weniger fit, weniger frech, weniger Leben… Wir sprechen über Ängste und wie das wohl sein wird und was wohl kommen mag. „Es tut gut, mit Ihnen darüber zu sprechen, es ist interessant mit jemandem offen darüber sprechen zu können“ hat sie mir einmal gesagt.   

Das hat mich berührt, es ist mir tatsächlich eine Ehre, dass in den letzten Wochen oder Tagen eines Lebens Geschichten, Ängste und wertvolle Gedanken mit mir geteilt werden.

Corona und die Hospiztätigkeit

Corona stellt viele Hospize vor Herausforderungen, strengere Hygienekonzepte, oftmals gehören die Ehrenamtlichen altersbedingt selbst zur Risikogruppe und können nicht mehr unterstützen. Und wenn es einen Corona-Fall gibt, wird ein Besuchsverbot ausgesprochen, infolgedessen ein ständiger Austausch zu Möglichkeiten und Grenzen.  

Seit Corona ist es auch wirklich schwer für mich, dranzubleiben. Besuche waren im Lockdown lange Zeit nicht möglich und seit es wieder möglich ist, finde ich es herausfordernd, mit Maske in den ersten Kontakt zu treten. Mit Maske zu reden, sich kennenzulernen, ohne sich gut mit Mimik unterstützend zeigen zu können. Ich besuche die Gäste im Hospiz, weil ich davon überzeugt bin, dass es nochmal viel zu sagen gibt am Lebensende. Vielen fällt es schwer, Sorgen, Fragen und Ängste mit der Familie zu teilen. Meines Erachtens kann es leichter fallen, sich Außenstehenden anzuvertrauen, die einfacher über das Leben und den Tod sprechen können, auch weil sie in dem Moment nicht unmittelbar betroffen sind.

Meine Oma, die Superheldin, die vorgeflogen ist

Ich bin meiner Oma für vieles im Leben dankbar, aber gerade in Bezug auf meine Tätigkeit im Hospiz fühle ich mich ihr oft sehr nah. Die Fähigkeit, mit Menschen gut in Kontakt zu kommen, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, mit Respekt und vorurteilsfrei, das hilft mir und ich bin ihr sehr dankbar, dass sie mir das so vorgelebt hat.

Bevor ich das allererste Mal einen Raum im Hospiz betrete weiß ich nie, wem ich wirklich begegne, welche Geschichten und Schicksale ich vielleicht höre oder ob ich überhaupt etwas höre. Jede Begegnung berührt mich – mal mehr, mal weniger. Wenn wir es geschafft haben in Beziehung zu gehen, dann trauere ich auch, denn da wo Beziehung ist, da ist auch Trauer.

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