Stressberuf Pflege: Wege zu mehr Gelassenheit

Zwischen Belastung und Balance

Stressberuf Pflege: Wege zu mehr Gelassenheit

Zunehmende Arbeitsbelastung bei knapper werdenden Ressourcen, Fachkräfte-Mangel, permanente Veränderungen von Strukturen und Aufgaben, dazu immer wieder wechselnde rechtliche und gesundheitspolitische Rahmenbedingungen: Führungskräfte und Mitarbeitende in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen agieren vielfach in einem spannungsreichen Geflecht von Zielkonflikten und Widerständen. Eine Herausforderung, die Kraft kostet – zumal, wenn dann noch eine Ausnahmesituation wie die Corona-Krise hinzukommt. Was kann man tun, damit aus den Be- keine Überlastungen werden? Wie können sich Mitarbeiter*innen und Teams vor zermürbenden Konflikten schützen? Worin besteht eine gute Selbstfürsorge, die helfen kann, nicht in den Burn-out abzurutschen? Die folgenden Gedanken sind keine Patentrezepte, sondern sollen dazu einladen, lösungsorientiert und konstruktiv über die eigene Situation im Pflegealltag nachzudenken.

„Das schaffe ich nicht mehr!“

Wer in der Pflegebranche arbeitet, sieht sich jeden Tag einer schier übermächtigen Menge an Aufgaben, Problemen, Konflikten gegenüber. „Wie soll ich all das leisten?“ oder „Das schaffe ich nicht mehr!“ sind dann nur allzu verständliche Reaktionen: Ich fühle mich als ohnmächtiges Opfer, möchte resignieren, werde krank – und bestätige damit nur den Kreislauf aus Überforderung und Hilflosigkeit.

Wie gelangt man dort heraus? Vielleicht so: Wir können die Situation, in der wir uns gerade befinden, immer aus zwei unterschiedlichen Perspektiven wahrnehmen. Aus der Perspektive des Opfers: Ich kann nichts dafür und ich kann auch nichts daran ändern. Oder aus der Perspektive des Gestalters: Ich versuche, die Situation zu beeinflussen und daran mitzuwirken, dass sich etwas verändert. Die Erfahrung zeigt, dass man in der Opfer-Haltung objektiv tatsächlich wenig bis nichts bewirkt und sich so auch immer ohnmächtiger fühlt, am Ende Stress oder gar Burn-Out drohen. Dagegen lässt die Gestalter-Haltung wahrnehmbare Veränderungsimpulse erleben, und so steigt das Gefühl der eigenen Wirksamkeit. Und diese Selbstwirksamkeit, sagen Stressforscher und Psychologen, ist eine der mächtigsten Ressourcen, um die eigene Seele zu stärken.

Die Frage lautet also: Wie kann ich aus einer – angesichts der realen Schwierigkeiten in der Pflegebranche berechtigten – Opfer-Haltung in die Selbstwahrnehmung des Gestaltens und damit in die Selbstwirksamkeit kommen? Klar, dass das nicht einfach ist; dennoch gibt es einige Ideen, über die nachzudenken sich lohnt.

Vom Opfer zum Gestalter: Sich selbst vertrauen

Das erste ist, sich mit seiner Einstellung zu sich selbst zu befassen: Bin ich mir meiner eigenen Stärken, meiner Werte, meiner Persönlichkeit bewusst und kann mir in diesem Sinne selbst-vertrauen? Wenn ja, dann kann ich mir Fehler verzeihen, kann „Nein“ sagen ebenso wie berechtigte Kritik annehmen, ohne verletzt zu sein.

Wie kann ich mein Selbstvertrauen stärken? Es setzt sich zusammen aus Wissen, Erfahrungen und Stärken. Wissen umfasst die Aus-, Weiter- und Fortbildung, Kenntnisse, Fertigkeiten, aber auch soziale und persönliche Kompetenzen. Erfahrungen sind das, was man aus dem lernt, was einem in seinem bisherigen Leben „widerfahren“ ist: Die Erfolge (wenn man z. B. sein Wissen eingesetzt hat), aber auch Krisen (die man gemeistert hat). Stärken ergeben sich aus der Kombination von Wissen und Erfahrungen: das, was jemand richtig gut kann und was ihn oder sie einzigartig macht (und womit man anderen einen Nutzen bieten kann). Kommen Sie also Ihren Erfahrungen auf die Spur. Suchen Sie nach dem roten Faden in Ihrem Leben, entwerfen Sie ein Panoramabild Ihres Lebens nach einer Leitfrage, z. B. „Wo war ich mit Feuereifer bei einer Sache?“ Schreiben Sie fünf Stärken auf, mit den Eigenschaften, die Sie dafür gebraucht haben. Beschreiben Sie den Nutzen, den Sie damit für andere stiften.

Vom Opfer zum Gestalter: Wir sind nicht allein

Als Führungskraft oder Mitarbeiter*in sind Sie Teil eines Teams. Und wie es Ihnen an Ihrem Arbeitsplatz geht, hängt entscheidend von der Interaktion mit anderen ab: Ist Ihr Team eine lose Gruppe von Einzelkämpfern oder Konkurrenten? Oder sind Sie in einem guten Austausch, unterstützen sich gegenseitig, anerkennen jeweils die Leistungen der anderen und können auch kritisches Feedback in einer nicht verletzenden Weise geben?

Wenn nicht, sind Konflikte vorprogrammiert – und in Situationen, in denen ohnehin schon alle Beteiligten an der Grenze der Belastbarkeit arbeiten, sind sie regelrechte Brandbeschleuniger. Eine Methode, um wertschätzend Kritik zu üben, sind die sogenannten „Drei W’s“, mit denen sich ein Konfliktgespräch strukturieren lässt: Mit dem ersten „W“ für „Wahrnehmung“ schildern Sie lediglich reine „Fakten“ – z. B. eine unvollständige Pflege-Dokumentation. Das zweite „W“ steht für „Wirkung“: auf Sie („Das macht mich unruhig“) und als Auswirkung auf die Arbeit („Die Kollegen der Spätschicht wissen nicht, was gepflegt wurde“; „Der MDK gibt uns schlechte Noten“). Daraus folgt als drittes „W“ ein „Wunsch“, etwa den nach sorgfältiger Dokumentation oder auch danach, dass der Mitarbeiter erklärt, warum er nicht dokumentiert. Am Ende sollte dann eine Vereinbarung stehen. Zugegeben, das klingt künstlich und wird in der Praxis so idealtypisch auch nur selten ablaufen. Doch es geht um die grundlegende Absicht, durch ein solches Gesprächsverhalten allzu heftige Gefühle aus dem Konflikt zu nehmen und ihn so besprech- und lösbar zu machen.

Vom Opfer zum Gestalter: Veränderungen gemeinsam meistern

Der Blick auf den Umgang mit Konflikten lohnt noch aus einem anderen Grund: Denn vielfach sind sie in Unternehmen Ausdruck von Widerstand gegen Veränderungen. Menschen in Pflegeberufen kennen die sogenannte „Trauerkurve“ aus der Begleitung Sterbender oder von Angehörigen, die in ihrer Familie einen Todesfall zu beklagen haben: Die Betroffenen durchleben verschiedene emotionale Phasen, verleugnen zunächst die Realität – das eigene Schicksal oder den Verlust eines Angehörigen –, wehren sich dann dagegen, um sich schließlich dem Unabänderlichen zu stellen und zu versuchen, damit in einer für sie stimmigen Weise zu leben.

Ganz ähnlich verhalten sich Mitarbeitende in Veränderungsprozessen. Auch hier gibt es die Phase der Verleugnung („Das meinen die doch nicht ernst!“), des Widerstands („Das kann nicht funktionieren!“), der Erforschung („Dann schaue ich es mir halt mal an“) und der Erneuerung („Geht doch“). Verständlich also, dass in der Phase der Verleugnung und vor allem des Widerstands das Konfliktpotenzial besonders hoch ist. Dahinter stehen – in der Regel unausgesprochene – Ängste der Betroffenen.

Als Führungskraft sollten Sie deshalb in Veränderungsprojekten in keinem Fall gegen den, sondern mit dem Widerstand gehen und versuchen, dessen „Sinn“ zu verstehen. Konkret: Informieren Sie Ihre Mitarbeiter*innen zwar über das Ziel und den Nutzen des Projekts. Hören Sie dann aber zu und geben Sie möglichen Ängsten und Sorgen Ihrer Mitarbeiter*innen Raum. Oft steckt dahinter die Befürchtung, den neuen Anforderungen nicht gewachsen zu sein oder die Annahme, die bisherige Arbeit sei nicht gut genug gewesen. Deshalb ist es wichtig, auch das „Alte“ zu würdigen, die Art und Weise, wie man bisher die Aufgaben erledigt hat. Erst dieser bewusste Abschied ermöglicht es, sich auf das Neue einzulassen. Dafür wiederum sollten Sie ebenfalls Unterstützung anbieten. So kann etwa eine Mitarbeiterin, die mit den neuen Prozessen schon vertraut ist, dem unerfahrenen und unsicheren Kollegen als Mentor oder Pate zur Seite stehen. Feiern Sie bewusst Teilerfolge – auch das vermittelt Sicherheit. Und wenn der „Change“ erfolgreich geschafft ist, reflektieren Sie gemeinsam mit Ihrem Team, was die Erfolgsfaktoren dafür waren und was beim nächsten Mal noch besser klappen sollte. All dies hilft nicht nur, Konflikte deutlich zu entschärfen, sondern macht aus Betroffenen Beteiligte – also Mitgestalter in Ihrem Unternehmen.

Vom Opfer zum Gestalter: Resilienz entwickeln

Es stimmt schon: All das bisher Gesagte kann nicht verhindern, dass man nicht doch einmal seelisch in die Knie geht. Hier kommt die sogenannte Resilienz ins Spiel. In der Stressforschung versteht man darunter psychische Widerstandskraft, das heißt die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Psychische Krisen gehören also zum Leben; man kann sie nicht vermeiden, vielmehr zeigt sich eine resiliente Haltung darin, wie man mit ihnen umgeht.

Das fängt schon vor einer Krise an, indem man gewissermaßen präventiv überlegt, wie ein stabiles seelisches Selbstkonzept aussehen könnte. Wie man das macht? Stellen Sie die unterschiedlichen Aspekte Ihres Lebens – Ihrer Identität – auf den Prüfstand: Welche Werte und Normen tragen mich und worin finde ich Sinn? Wie wichtig ist die Arbeit im Verhältnis zu anderen Teilen meines Lebens für mich? Wie sieht mein soziales Netz aus: Mit wem möchte ich in Kontakt sein und wer tut mir vielleicht nicht so gut? Bin ich zufrieden mit meiner finanziellen Situation oder mache ich mir Sorgen? Und was tue ich für meinen Körper, um mich fit und gesund zu fühlen? Wer in dieser Weise über sich selbst nachdenkt, wer überlegt, in welchem Verhältnis diese unterschiedlichen Facetten seiner selbst zueinanderstehen, und wer prüft, wo und wie er vielleicht etwas verändern möchte, der spürt, wie er seelisch „kräftiger“ wird.

Was aber, wenn ich wirklich ausgebrannt am Boden liege und mich ganz real – seelisch wie körperlich – als ohnmächtiges Opfer fühle? Die „Sieben Säulen der Resilienz“ sind ein bekanntes Modell, um in Zeiten der Krise und Belastung wieder Selbstwirksamkeit zu erlangen. Die erste Säule klingt paradox. Seien Sie optimistisch und denken Sie daran: Jede Krise wird ein Ende haben. Und erinnern Sie sich: Wie haben Sie frühere Krisen gemeistert? Die Krise also einfach weglächeln? Nein, denn es folgt – als zweite Säule – die Akzeptanz: Akzeptieren Sie die Dinge, Situationen, Konstellationen, die Sie (im Moment) nicht ändern können. Akzeptieren Sie Gefühle wie Furcht, Angst, Sorge oder starken Stress. Und es ist in Ordnung, sich als Opfer zu fühlen – im Moment. Als dritte Säule folgt die Lösungs-Orientierung: Schauen Sie nicht zu oft zurück, um zu fragen, „warum gerade mir das passiert“. Schauen Sie nach vorne: „Wie schaffe ich es, hier rauszukommen?“ Indem Sie das tun, verlassen Sie – und das ist die vierte Säule – die Opferrolle: Anstatt zu sagen „Ich kann nicht“, formulieren Sie etwa „Ich will es versuchen“ oder „Ich will etwas Anderes versuchen“. So können Sie „aufstehen“ und einen besseren Überblick erhalten. Damit kommt die fünfte Säule ins Spiel: Verantwortung übernehmen. Schätzen Sie realistisch ein, wofür Sie verantwortlich sein können. Fokussieren Sie sich auf das, was Sie beeinflussen können. Und wenn Sie so geschwächt sind, dass Sie nichts mehr tun können? Bitten Sie um Hilfe: Die sechste Säule ist die Netzwerk-Orientierung. Resiliente Menschen haben starke soziale Netzwerke. Sie wissen, dass jeder irgendwann einmal Hilfe braucht, und sie scheuen sich nicht, in krisenhaften Zeiten andere um Hilfe zu bitten. Es bleibt – als siebte Säule – die Zukunfts-Orientierung. Einerseits fragen resiliente Menschen: „Was kann ich aus der Krise lernen?“ Andererseits planen sie ihre Zukunft, stellen sich Herausforderungen, erwägen Alternativen, machen Pläne und arbeiten an ihren Wünschen und Visionen.

Und noch ein letzter Punkt: Manchmal sagen Menschen, die eine Krise durchlebt haben, hinterher, dass sie sich dadurch stärker oder auch gereifter fühlen. Was in der Krise als Bedrohung erlebt wurde, wird im Nachhinein zu einer Erfahrung, die mein Leben reicher macht. Einen solchen Perspektivenwechsel kann ich auch schon in einer Krise versuchen. Beispielsweise mit Fragen wie diesen: Inwiefern könnte das, was gerade passiert, genau richtig sein für mich? Welchen Sinn finde ich in dieser Situation? Was könnte die Chance in dieser Situation sein? Was kann ich hieraus lernen? Welche Aufgabe habe ich in dieser Situation? Aber auch: Was würde schlimmstenfalls geschehen? Was genau wäre daran so schlimm? Was wäre schlimmer als diese Situation? Was würde ich einem Freund oder einer Freundin empfehlen, die in dieser Situation wären?

Vom Opfer zum Gestalter: Selbstwirksam in der Balance bleiben

Nach all dem bisher Gesagten sollte klar sein: Wir sind keine allmächtigen Gestalter. Das Leben stellt uns immer wieder in Situationen, die wir zunächst nicht anders denn aus einer Opfer-Perspektive erleben können. Doch damit müssen wir uns nicht abfinden. Wir können immer wieder aufs Neue versuchen, in die Balance zwischen Opfer und Gestalter zu kommen – und uns darin als selbstwirksam zu erleben. Von dem lutherischen Theologen Friedrich Oetinger (1702-1782) gibt es ein schönes Gebet, das dem einen oder anderen dabei helfen mag: „Lieber Gott, gib mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich zu ändern vermag, und gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.“

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