Sechzehn Jahre ist es her, dass ich meinen Sohn David in den ersten Monaten der Schwangerschaft verlor und nur zu gut erinnere ich mich daran, welch große Herausforderung es für mich nicht nur im Privaten, sondern auch im Arbeitskontext war. Meiner Chefin musste ich damals sagen, dass die Schwangerschaft schon wieder vorbei ist und ausgerechnet am ersten Tag meiner Rückkehr nach einer zweiwöchigen Krankschreibung setzte mir eine Kollegin ihre frisch geborene Tochter auf den Schoß, als sie der Abteilung ihr Kind vorstellte. Da der Verlust meines Kindes unter den Teppich gekehrt wurde, wussten viele nicht davon und diejenigen die davon wussten, sprachen nicht mehr darüber. Sprachlosigkeit und Tabu machen die Situation für betroffene Eltern unglaublich schwer. Ich hatte gehofft, dass sich in den 16 Jahren etwas zum Besseren verändert hat, aber leider erlebe ich in der Praxis überwiegend das Gegenteil.

Die selbstverständliche Reihenfolge des Sterben kommt in ein Ungleichgewicht

Inzwischen bin ich Trauerbegleiterin in Unternehmen und erlebe genau diese Sprachlosigkeit wieder – sie legt sich über den Tod von Kindern wie ein schwerer Nebel. Diese Überforderung der Gesellschaft, der Sternenkindeltern viel zu oft ausgesetzt sind und die den Trauerprozess zusätzlich belasten können.

Der Tod von größeren Kindern, aber auch Fehl- und Todgeburten sind für die Eltern und ihr Umfeld kaum zu ertragen und dies ist meines Erachtens auch der Grund für die Verdrängung des Themas in unserer Gesellschaft. Der Satz „Kinder sollten doch nicht vor ihren Eltern sterben“ fällt mir ein, diese für uns selbstverständliche Reihenfolge des Sterbens kommt in ein völliges Ungleichgewicht. Hinzu kommt, dass das Umfeld beim Tod von Kindern noch sprachloser ist als beim Tod von Erwachsenen. Immer wieder höre ich von der Angst der KollegInnen, etwas Falsches zu sagen, falsch zu reagieren und so sagen sie einfach gar nichts. Ein Teufelskreis entsteht.

Prozesse in der Personalabteilung helfen trauernde Eltern zu unterstützen

Wenn Frauen ihrem Arbeitgeber von ihrer Schwangerschaft berichten, kommt ein ganzer Prozess in Gang. Von Mutterschutzregelungen bis zur Planung von Übergaben der Projekte und Aufgaben an andere KollegInnen, aber auch der Suche für eine Elternzeitvertretung. Wenn die Schwangerschaft schon weiter fortgeschritten ist, werden vielleicht Gratulationskarten geschrieben und Babysachen als Geschenk gekauft. Wenn dann jedoch eine schwangere Arbeitnehmerin melden muss, dass ihr Kind verstorben ist, sind die Reaktionen leider häufig alles andere als unterstützend. MitarbeiterInnen sind oft geschockt und hilflos, die Prozesse in der Personalabteilung jedoch sachlich und prozessorientiert. Individualität und Empathie bleiben zu oft weit dahinter zurück. Dabei wäre es doch so einfach, achtsam und mitfühlend auch hierfür Prozesse zu hinterlegen, die den handelnden Personen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln und damit leichter und besser agieren lassen.

In manchen Firmen gibt es eine Art „Babyprämie“ bei der Geburt eines Kindes – dies könnte auch bei einem verstorbenen Kind mit einer liebevollen und wertschätzenden Kondolenz bezahlt werden und damit die Eltern bei den Kosten für Beerdigung oder anderen Ausgaben unterstützen. Es sollte keine Begrenzungen für Gewicht des Kindes oder Schwangerschaftsmonat geben, um monetäre Unterstützung oder Sonderurlaub zu erhalten. In Deutschland erhalten Eltern nur 2 Tage Sonderurlaub, in Großbritannien sind es 10 Tage, in Frankreich sogar 15 Tage. Ich ermutige Arbeitgeber immer wieder, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen und individuelle Regelungen anzubieten, die allen Beteiligten helfen.

Viele Eltern sind sich ihrer Rechte rund um Mutterschaftsgeld, Kindergeld, Elternzeit und Elterngeld nicht bewusst. Hier wünsche ich mir Personaler, die proaktiv darauf aufmerksam machen und Eltern dabei unterstützen, alle Möglichkeiten, die der Gesetzgeber hierbei anbietet auch auszuschöpfen. Manche Arbeitgeber verfügen über psychologische Hotlines, die angeboten werden können, aber auch das Führen von Listen von Sternenkinderzentren, Selbsthilfegruppen und Trauerbegleitern sowie hilfreicher Literatur könnte eine wunderbare Unterstützung für betroffene Eltern sein. Denn wir können leider nicht davon ausgehen, dass diese Informationen in den Kliniken weitergegeben werden. Zu oft erlebe ich, dass Eltern überhaupt nicht wissen, wo sie Hilfe erhalten können und zu erschöpft sind, sich diese Informationen zusammen zu suchen.

Trauenden Eltern kondolieren

Auch bei der Trauer um ein ungeborenes oder früh verstorbenes Kind ist es angezeigt, auf gleiche Art und Weise zu kondolieren und die Trauer der Eltern wahrzunehmen wie bei einem erwachsenen Verstorbenen. Dabei wünsche ich mir, dass Floskeln wie „Du bist ja noch jung und kannst noch ein neues Kind bekommen“ oder „Du hast ja zum Glück noch ein Kind“ vermieden werden. Dies hilft in der Trauer um das Kind überhaupt nicht und ist extrem verletzend. Ich erwarte beim Tod eines Kindes mindestens genau die gleichen Prozesse wie beim Tod von Erwachsenen.

Auch wenn Führungskräfte und KollegInnen dieses verstorbene Kind nie gesehen haben, so hat es doch einen Platz im Leben seiner Eltern. Dieser Verlust wird dieses Paar ein Leben lang begleiten und dieses Kind wird für immer ihr Kind bleiben. Es braucht Menschen, die diese trauernden Eltern fragt, was sie genau heute brauchen und ob sie auch über das Kind sprechen möchten. Viele Eltern haben das Gefühl, dass das Kind noch einmal stirbt, wenn niemand mehr darüber spricht. Nicht darüber zu sprechen, macht den Verlust nicht ungeschehen, führt trauernde Eltern jedoch häufig in die Isolation.

In vielen Familien führt der Verlust eines Kindes zu einer tiefen existentiellen Krise, die begleitet wird von Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, einem Nachsterbenwollen bis zu Depressionen. Inzwischen gibt es erste Studien, die auf die hohen posttraumatischen Belastungen nach Fehlgeburten hinweisen. Es braucht dringend mehr psychologische Unterstützung, um Folgekrankheiten zu vermeiden. In vielen Familien entstehen zusätzlich belastende Beziehungsschwierigkeiten, weil Paare häufig sehr unterschiedlich mit der Trauer umgehen. Und auch das soziale Umfeld ist ein großer Faktor, wie der Trauerprozess verläuft.

Fragen Sie, was trauernde Eltern brauchen

Bevor trauernde Eltern an den Arbeitsplatz zurückkehren, wäre es wünschenswert sie vorher (!) zu fragen, wie mit ihnen umgegangen werden soll. Welche Informationen dürfen in der Abteilung kommuniziert werden, möchten sie zu ihrem Verlust angesprochen werden oder nicht. Diese Wünsche und Bedürfnisse können immer wieder der aktuellen Situation angepasst werden.

Ich spreche in diesem ganzen Artikel ganz bewusst immer von Eltern und nicht nur von Müttern. Denn Väter trauern genauso um ihre Kinder und unsere Gesellschaft vergisst dies ganz häufig – deshalb möchte ich hier ganz besonders darauf hinweisen, diese Väter nicht zu vergessen!

Bohana_Petra_Sutor_Trauer_am_Arbeitsplatz.jpg

Besondere Rahmenbedingungen einer Folgeschwangerschaft

Oft wird verdrängt, welchen weiterführenden Belastungen Frauen ausgesetzt sind, die bereits ein Kind verloren haben und erneut schwanger werden. Denn es braucht Mut, sich auf eine erneute Schwangerschaft einzulassen und die Hoffnung, dass es dieses Mal gut geht. Umso wichtiger ist, dass Vorgesetzte mit der schwangeren Kollegin absprechen, ob sie entlastende Rahmenbedingungen für ihre Arbeit benötigt, um mögliche Komplikationen nicht durch den Arbeitsplatz noch zu unterstützen. Und ganz wichtig: das neue Kind ersetzt nicht das verstorbene Kind!

Was ich mir als betroffene Mutter und Trauerbegleiterin wünsche

Es betrifft nicht nur Sternenkindereltern, aber genau hier erscheint mir der Bedarf ganz besonders hoch. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der trauernde Eltern, die häufig nur ganz wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen können, einen geschützten und unterstützenden Raum finden. Diese Kinder müssen einen Platz erhalten, nicht nur in den Familien, sondern auch in ihrem Umfeld und in unserer Art über diese Sternenkinder zu sprechen. Ich wünsche mir, dass wir von Fehlgeburten nicht als Zellklumpen sprechen und dass die Wertschätzung von Sternenkindern nicht von ihrem Geburtsgewicht oder dem Monat ihrer Geburt abhängt. Diese Kinder gehören ins Familiensystem und sie zu verdrängen lässt sie aus diesem System nicht verschwinden. Das Nichtbetrauern dieser Kinder hat häufig auch Auswirkungen auf die Geschwisterkinder und nachfolgende Generationen.

Ich sehe mit Freude die Arbeit von Organisationen wie den Sternenkinderzentren Bamberg und Odenwald, Hope’s Angel e.V. oder der Initiative Regenbogen „Glücklose Schwangerschaft“, den Sternenkindfotografen und viele mehr, die sich um die Begleitung der Familien kümmern. Und es braucht noch viel mehr dieser Organisationen, Aufklärung und Weiterbildungen, denn noch viel zu häufig höre und lese ich mit Fassungslosigkeit was trauernden Eltern widerfährt. Im Privaten und auch im Unternehmenskontext hat jeder von uns die Möglichkeit etwas zu bewegen und es trauernden Eltern auf ihrem Weg ein kleines bißchen leichter zu machen.

Syst. Coach und Trauerbegleiterin (BVT), Traumafachberaterin i.A. Managerin und Trauerbegleiterin in einem internationalen Konzern Autorin des Buches „Trauer am Arbeitsplatz“ (Patmos Verlag)