Perspektivwechsel

„Die Mütter sollen aufhören zu jammern, die haben ja schließlich ihr Kind.“ Diesen Satz habe ich neulich im Zusammenhang mit Corona und Fehlgeburten gelesen.

Es ist nicht so, dass ich das Gefühl der betroffenen Schreiberin nicht nachvollziehen kann. Ich hatte 6 Fehlgeburten innerhalb von 5 Jahren und bin heute kinderlos. Natürlich schlichen sich während meiner Kinderwunschzeit neben Verzweiflung und Machtlosigkeit immer mal solche Gedanken ein.

Allerdings habe ich mit der Zeit gemerkt, dass es mich nicht weiterbringt, sondern zusätzlich verbittert und lähmt.

Statt andere für ihr vermeintlich besseres Leben zu verfluchen, entschied ich mich deshalb für das Gegenteil.

Ich tauschte mich mit vielen Frauen, egal ob kinderlos oder Mutter, zum Thema Kinder aus. Und siehe da: Je mehr mir ehrlich über ihren Alltag erzählten, desto besser lernte ich mit meinem Schicksal umzugehen.

Da ist z.B. meine Freundin Lena. Sie will keine Kinder. Während meiner schweren Zeit hat sie mir immer wieder Kraft gegeben. Warum? Weil sie mir deutlich machte, dass sie ein Leben mit Kind nicht als den einzig erfüllenden Weg zum Glück verstand. Für sie war es selbstverständlich, dass ihr kinderloses Leben erstrebenswert und vielversprechend sein würde. Was hätte mir in Momenten meiner tiefen Trauer mehr Hoffnung machen können?

Sie half mir, Stück für Stück, die Perspektive zu wechseln und an eine glückliche Zukunft zu glauben, ohne Kind.

Und nein, mein Leid hätte sich in der Vergangenheit nicht gemindert, wenn sie stattdessen ein Kind bekommen hätte. So nach dem Motto: „Dann mach du wenigstens, weil du es halt kannst” –  was macht das für einen Sinn?

Nein, es waren nie die Frauen wie Lena, die mich während der Kinderwunschzeit aus der Bahn warfen. Da gab es andere Situationen. Die Nachuntersuchung nach meiner vierten Fehlgeburt zum Beispiel. Ich saß im Wartezimmer meiner Frauenärztin. Auf einem kleinen Tisch in der Ecke des Raums lag ein Stapel Zeitschriften. Ich fischte mir eine heraus und begann zu blättern.

Seite drei: „Die Krönung Ihrer Liebe! So genießen Fürst Albert und seine Charlène ihr zweifaches Babyglück.” Ich las quer: „Charlène (…) das Warten hat ein Ende! (…) das vollständige Glück …” Ich blätterte weiter: „Beyoncé endlich schwanger! So stolz präsentiert sie ihre Babykugel.” Solche Magazine konnten meine Trauer über eine weitere, gescheiterte Schwangerschaft um ein vielfaches erhöhen. Diese Medien glorifizieren die Mutterschaft derart, dass man es eigentlich nur als „DAS Ziel” einer Frau begreifen kann.

Schwangerschaften werden hier mit den Worten „endlich“ und „vollständig“ vermeldet. Eine Frau, die wiederum – aus welchen Gründen auch immer – keinen Nachwuchs vorweisen kann, gilt als bedauernswert. Gleichzeitig wird darüber spekuliert, was bei ihr nicht stimmen könnte. Nachwuchs-Wartezeiten von frisch verheirateten Paaren wurden von den Zeitschriften erst gar nicht toleriert. Eine Therapeutin, die mich während meines letzten Krankenhausaufenthalts betreute, sagte mal zu mir:

„Sie müssen wissen, dass die Menschen nicht automatisch glücklicher sind, nur weil sie Kinder haben.“

Bei ihr klang das überzeugend. An manchen Tagen war ich mir sogar sicher, dass sie recht hatte. Dann hatte ich Hoffnung, dass ich als Kinderlose nicht mein Leben lang zu leiden hätte. Dass auch ich einen guten Grund zur Vorfreude auf eine zufriedene Zukunft haben konnte. Aber schon drei angelesene Zeitschriften konnten mich zum Zweifeln bringen. Seite 13: „Riesenfreude bei den Neureuthers! Nun ist Ihr Glück perfekt – das ist Ihre schönste Osterüberraschung!”

Ich legte die Zeitschrift zur Seite und griff nach einer neuen. Ah, Jennifer Aniston, die finde ich cool. Sie sieht super aus, steht mitten im Leben. Bildunterschrift: „Ist dieses Lächeln nur Fassade? Wie lange leidet Aniston noch unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch?”

Wie froh war ich, wenn mich nach Momenten wie diesen meine Freundin Klara anrief.

Sie war seit zwei Jahren Mutter und liebte ihre Tochter. Das verschwieg sie mir genauso wenig, wie die Tatsache, dass sie ihre neue Rolle auch hin und wieder sehr anstrengend fand. „Boa, die Kleine wollte gestern nicht schlafen, ich bin fix und fertig“. Ich mag ihre Ehrlichkeit. Nicht, weil ich mich dadurch in einer besseren Lage wähne. Das ist auch nicht der Grund, warum Klara mir von ihren nervigen Tagen erzählt. Ihr geht es nicht darum, dass jemand sich in seiner Situation besser oder schlechter fühlen soll. Sie erzählt mir davon, weil sie mich als Freundin schätzt. Genau wie ich sie.

Und weil sie von einigen Müttern für ihre Offenheit gedisst wird: „Hör mal, die Kleine macht dir doch auch sicher große Freude“. Jedes Mal hatte Klara nach solchen Bemerkungen ein schlechtes Gewissen. Bei mir konnte sie ihren Frust abladen, ohne, dass ich sie dafür maßregeln würde. Und ganz nebenbei halfen mir ihre Alltagsberichte, mich von einer einseitigen Sichtwiese zu befreien. Sie machte mir klar, dass es auch in ihrem Leben weiterhin gute und schlechte Zeiten gab. Wie tröstlich für mich. Es war Klara, die unser beider Leben wieder auf ein Level brachte. Sie hatte das Kind, das ich nicht hatte – ich die Freiheit, nach der sie sich nicht selten sehnte. Sie konnte mir von ihren Sorgen erzählen, ich ihr weiterhin von meinen.

Das Ziel, nicht nur in schwarz oder weiß zu denken, teilten Klara und ich übrigens schon seit ihrer Schwangerschaft.

Sie ist nicht nur meine Freundin, sondern auch Kollegin. Und so standen wir vor drei Jahren einer heiklen Situation gegenüber. Ich hatte gerade meine OP nach der sechsten Fehlgeburt hinter mir, als sie mir von ihrer ausbleibenden Regel erzählte. Wir wussten, dass eine herausfordernde Zeit auf uns zukommen würde, aber wir wollten sie gemeinsam meistern. Und wieder war es nicht Klara, die mir das Leben schwer machte. Kaum hatte sie die Botschaft offiziell im Haus verkündet, bekamen wir täglich Besuch in unserem Büro.

„Klara! Wie toll! Hach, genieß’ das! Als ich meine Tochter bekam, war das die schönste Zeit meines Lebens“, jubelte die Assistentin des Verlagschefs. Ich arbeitete mittlerweile vier Jahre in meinem neuen Job als Redakteurin und konnte mich nicht erinnern, dass sie vorher jemals bei uns im Büro war. „Wow, die schönste Zeit meines Lebens”, dachte ich und kämpfte mit den Tränen. Der Kollege aus der Buchhaltung hatte eine weitere Botschaft: „Lass es dir zu Hause so richtig gut gehen – die Gelegenheit, eine zeitlang nicht arbeiten zu müssen hast du wahrscheinlich nur ein einziges Mal im Leben …“

Ich saß da, starrte auf meinen Rechner und murmelte immer den gleichen Satz:

„Sie müssen wissen, dass die Menschen nicht automatisch glücklicher sind, nur weil sie Kinder haben. Sie müssen wissen, dass die Menschen nicht automatisch glücklicher sind, nur weil sie Kinder haben. Sie müssen wissen …” Natürlich konnte ich meinen Kollegen keine Vorwürfe machen. Sie wussten nichts von meiner Geschichte. Deshalb waren ihre eindeutigen Prophezeiungen nicht weniger schmerzhaft. Und wäre Klara nicht gewesen, hätte ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich eine Kündigung in Betracht gezogen: „Man ey, gestern war mir so schlecht, ich hab’ dreimal gereihert. Gehört das jetzt auch schon zu der schönsten Zeit meines Lebens?“ Wir lachten, als alle den Raum verlassen hatten. Nicht schwarz, nicht weiß.

Danke dafür, Klara. Danke, Lena. Und danke an alle Klaras und Lenas dieser Welt. Ihr wart es, die einen großen Teil dazu beigetragen habt, dass ich heute glücklich und zufrieden bin. Und ich bin mir sicher, dass ihr auch anderen Frauen in meiner Situation helfen konntet. Vielleicht ermutigt euch dieses Wissen weiterhin so offen zu sein. Das würde ich mir jedenfalls sehr wünschen.