Lebendige Trauerkultur in digitalen Räumen

Lebendige Trauerkultur in digitalen Räumen

Trauerbegleitung 2.0

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, ich bin kein „Digital Native“ (da Baujahr 1965). Ich habe am Computer noch nie ein Spiel gespielt. Und ich gehörte auch zu denen, die alles Digitale zu kühl, distanziert und nüchtern fanden. Die in den letzten Monaten mehr als einmal über „diese Technik“ geschimpft hat. Und von ihrem 16jährigen Sohn diesbezüglich als „lost“ betitelt wurde.

All die Menschen in den Trauergruppen. Die in Einzelbegleitung waren. In Tageskliniken. Dieser Impuls war trotz meiner Berührungsängste mit digitalen Medien mit Beginn des ersten Lockdowns 2020 sofort in mir. Und so habe ich mich sehr schnell ins „Abenteuer Internet“ gestürzt und einfach gemacht. Denn ich bin der Überzeugung, es gibt immer eine Lösung. Und ich sehe auch meine Verantwortung. Ich habe sehr schnell gelernt: Annehmen, was ist. Machen. Über den Tellerrand schauen.

In einem Gespräch heute kam mir der Vergleich mit einem der wichtigsten Learnings im Erste-Hilfe-Kurs: Der größte und einzige Fehler, den du jemals machen kannst, wenn ein Mensch Hilfe braucht, ist – nichts zu machen.

Positive Erfahrungen und Begegnungen im digitalen Raum

Ich habe einfach irgendwie angefangen. Begleitungen am Telefon – das war für mich im Nachhinein die größte Herausforderung! Ich habe meinen ersten Zoomcall mit 100 anderen Coaches und Begleiter:innen gemacht und war von Anfang an fasziniert davon, was dabei an Energie entsteht. Ich habe aufgehört, noch 10 Zertifikate zu sammeln. Ich habe unfassbar viel Hilfe, Unterstützung und Learnings für mich und meinen Weg bekommen. Ich habe gelacht, geweint und mich berühren lassen – am Laptop. Ich habe ausprobiert, angeboten, weitergegeben. Ich habe neue Freunde gefunden und tolle Mentoren. Ideen gesponnen und vor allem: Ich konnte helfen. 

Ich habe selten gefragt, ob das geht. Ich habe mich der Not gestellt. Ich habe meine Erfahrungen, meinen Mut und meine Vision in die Waagschale gelegt. Und es hat funktioniert.

Trauerkultur in digitalen Medien

Wenn wir ehrlich sind, dann hat das Thema rund um Abschied, Tod und Trauer längst Einzug gehalten im digitalen Raum. Online-Trauerportale, digitale Kondolenz- und Gedenkseiten, Facebookgruppen, Podcasts und Social Media Aktivitäten, gestreamte Trauerfeiern, Videos zur Aufklärung der Arbeit von Bestatter:innen mit mehr als einer Millionen Klicks u.v.m. Ehrlicherweise müssen wir uns auch fragen: Wie viele Menschen erreichen wir denn mit unserer exklusiven Einzelbegleitung – im Vergleich zur Reichweite der digitalen Medien?

Wenn wir uns in einer ruhigen Minute hinsetzen und uns gewahr werden, was da draußen eigentlich los ist, dann ist doch eines klar: Wir leben seit Monaten in einem gesellschaftlichen Abschied. Abschied von Normalität, Vertrauen und scheinbarer Sicherheit. Wir stecken mittendrin in einer Veränderung, die wir nicht gewählt haben. Und wo wir jetzt gefordert sind. Es wird unglaublich viele Menschen geben, die trauern werden. Die Verluste jedweder Art erleben werden. Diese Pandemie wird diese Welt verändern.

Meine Vision: Mitgehen, statt dagegen. Annehmen statt verdrängen.

Sagen wir das den Trauernden nicht auch gerne? Wir Trauerbegleiter:innen, die wir doch alle von uns behaupten, wir wüssten, wie trauern geht, wir können jetzt einmal voran gehen. Wir können Mut machen im „Annehmen“. Im „Zulassen“. Können zeigen, wie wichtig jetzt gegenseitige Hilfe ist.

Wir können vor allem zeigen, was in einer Krise Großartiges entstehen kann. Die Chance nutzen, anstatt im Schrecken stecken zu bleiben. Wir dürfen und müssen heraustreten aus den bisherigen Rahmen und Regeln. Wir brauchen viele neue Ideen, Macher und Macherinnen, den Mut, Lösungen zu suchen und umzusetzen. Es wird nicht reichen, ein paar Trauergruppen zu leiten. Wir müssen zu den Menschen. Endlich. Es geht auch um Individualität. Und da braucht es das analoge genauso wie das digitale.

Trauerbegleitung

Für mich ist die digitale Begleitung kein „Ersatz“, sondern eine „Ergänzung“

Trauernden virtuell zur Seite zu stehen, ist keine Notlösung, sondern eine flexible und zusätzliche Möglichkeit, erreicht zu werden und andere zu erreichen. Unsere Energien machen nicht vor dem Computer halt, sondern unsere Einstellung! Eine riesige Spielwiese, auf der wir so viel erreichen können.

Gemeinsam. Es fängt in uns an. In jedem Einzelnen.

Kommentare

  • Bianka Mittermaier
    28. Mai 2021 um 17:12

    Liebe Frau Schneider,

    so wahre Worte!

    Wie gut, dass Sie sich der Herausforderung der Trauerbegleitung per Zoom gestellt haben! Ich gebe Ihnen vollkommen recht, das wird es künftig noch viel mehr brauchen.

    Viele herzliche Grüße aus Erding

    Bianka Mittermaier

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