Worte und Erinnerungen

Aus dem Leben einer Trauerrednerin

Als mein Vater im August 2023 diese Erde verließ, machte sich eine große Leere breit. Über Monate, Wochen und Tage hatten wir alles Menschenmögliche versucht, um seinen Abschied so würdevoll wie möglich zu gestalten. Ich war getragen von all den lieben Nachrichten, Telefonaten und Buchempfehlungen aus dem Bohana-Netzwerk. Das hat es besonders an den schwierigen Tagen ein wenig erträglicher gemacht. Denn ich war nicht allein.

Liebevolle Abschiednahme mit allen Sinnen

In seinem anonymen Krankenhauszimmer sollte mein Vater all die Liebe und Verbundenheit spüren, die eben möglich war. Ich habe ihm in seinen letzten Stunden laut aus Kinderbüchern vorgelesen, die er mir als Kind gern vorlas. Beim Vorlesen hörte ich seine tiefe durchdringende Stimme, mit der er immer die einzelnen Passagen betonte.

Mit Duftspray versuchte ich, eine wohlige Atmosphäre zu schaffen, die ein bisschen vom Krankenhausgeruch ablenken sollte. Wenn ich nicht seine Hand halten konnte, gab ich ihm ein kleines herzförmiges Kissen in die Hand, genäht aus einem seiner Lieblings-T-Shirts.

Manchmal hörten wir einfach nur Musik. Als der letzte Ton verstummt war und er sein Erdenkleid verlassen hatte, war es friedlich und zugleich geschäftig. Denn eine Abschiedsfeier musste organisiert werden.

Facettenreiche Lebensgeschichte als Fotocollage

Als Trauerrednerin sind mir der Ablauf und die Absprachen natürlich geläufig. Und deshalb tat ich, was ich immer tue. Ich bastelte. Mit meinen Händen erschuf ich mehrere Collagen mit Fotos, die meinen Vater in all den Rollen zeigten, die er zu Lebzeiten gefüllt hat. Ich ging unzählige Alben durch, zeigte ihn als Sohn, als Ehemann, als Vater und stolzer Opa. Nicht zu vergessen bei seinen Leidenschaften: dem Schauspielern auf der Bühne, als Steuermann auf dem Drachenboot mit seiner Mannschaft, als Studienfreund und als Patient im Krankenhaus bei Abschlussprüfungen der Medizinstudenten.

Ich schrieb all die Reime auf, für die er bekannt war, besonders bei seinen beiden Enkelinnen. Als ich meinen Laptop aufschlug, um die Rede über sein Leben zu schreiben, strahlte mir all seine Lebenslust auf den bunten Collagen entgegen. All das, was ich in den Monaten im Krankenhaus vergessen hatte, weil ich nur noch funktionierte.

Trauerreden sind Reden, die das Leben feiern

Und so kenne ich das auch als Rednerin. Wenn ich an den Tisch der Familien komme, die ich begleiten darf, geht es oft erst einmal darum anzuerkennen, was passiert ist. All die Umstände und Begebenheiten frei und in Ruhe zu erzählen, wie ein geliebter Mensch diese Erde verlassen hat.

Dann nähern wir uns Stück für Stück der Lebensgeschichte. Nicht immer chronologisch, aber frei von der Leber weg. Und dann passiert das Magische. In all der Trauer wird auch wieder gelacht, denn beim Erzählen der schönsten Episoden kommen all die Erinnerungen wieder auf, die das gemeinsame Leben so besonders gemacht haben. Die Sprache der Familien und Zugehörigen wird wieder reicher an Adjektiven, weil sie mir detailgetreu erzählen wollen, was die Person ausgemacht hat. Sie wollen das ich verstehe, wie sehr sie geliebt wurde, wie bedeutend jemand war.

Und das ist es doch, wonach wir uns alle sehen, dass wir von Bedeutung sind. Das unser Leben, egal ob kurz oder lang Spuren hinterlässt in den Biografien der anderen und vor allem in deren Herzen.

Genau deshalb schreibe ich Trauerreden, die das Leben feiern. Reden, die bewusst alle Aspekte, aber vor allem die schönen noch einmal zum Strahlen bringen. Reden, die die verstorbene Person in ihrem Tun würdigen. Ich lenke den Fokus auf die Bedeutsamkeit, die auch manches Mal versteckt daherkommt. Denn besonders in den Generationen, die den Krieg erlebt haben, wurde oft wenig über Gefühle gesprochen. Stattdessen hat ein reich gedeckter Tisch, ein sicheres Dach über dem Kopf und der Wille durchzuhalten gezeigt: Ihr seid mir wichtig.

Trostanker mit persönlichen Erinnerungsmomenten

Besonders bei diesen Reden liegt es mir am Herzen, der Familie und den Hinterbliebenen etwas Begreifbares mit auf den Weg zu geben. Einen kleinen Trostanker, der die Quintessenz der Lebensgeschichte noch einmal zum Ausdruck bringt. Bei meinem Vater war es für jeden ein kleines Schächtelchen mit seinem Foto auf dem Drachenboot. Er hatte die letzte Reise angetreten und besonders am Wasser ist seine Präsenz immer noch so spürbar. Auf der Rückseite stand: „Mach´s gut, Bernd.“ Eine Verabschiedung, mit der mein Vater jedes Zusammentreffen gern beendete. Und drinnen war ein kleines Bonbon. Es sollte daran erinnern, dass mein Vater trotz aller sportlicher Disziplin gern naschte. Mit seiner Art behielt er sich immer ein Stück Jugendlichkeit und nahm Konventionen das Alter betreffend nicht wichtig. All diese Eigenschaften bleiben und seine Gäste haben sie in diesem kleinen Schächtelchen von seiner Abschiedsfeier als Erinnerung mit nach Hause genommen.

Über die Autorin

Trauerreden Erfurt

Luise Oppermann-Riechel –
Celebrating Life

Ich bin Trauerrednerin und Abschiedsgestalterin in Erfurt und Umgebung. Mit einer persönlichen Rede möchte ich Ihre Gedenkfeier abrunden. Die Lebensgeschichte Ihres geliebten Menschen soll noch einmal in all ihren Farben strahlen dürfen. 

Alle Fotos sind im Rahmen einer fotografischen Begleitung entstanden. Copyright: Daniela Zoergiebel