Wenn ein Freund oder eine Freundin stirbt

Trauer um Wahlfamilie und nicht anerkannte Beziehungen

Trauer um Freund

Dein Freund oder deine Freundin stirbt und vielleicht erlebst du eine dieser Situationen: Am Anfang denkt niemand daran, dir sofort Bescheid zu geben, dass dein Freund/deine Freundin tot ist. Auf der Trauerfeier stehst du irgendwo dazwischen: nicht bei der „echten“ Familie, aber auch nicht bei den Bekannten, die eingeladen wurden. Niemand fragt dich, ob du vorne sitzen möchtest. Niemand fragt dich, wie du den Tod erlebst oder was du brauchst.

Dabei war dieser Mensch dein Mensch. Der Mensch, mit dem du über alles sprechen konntest: 24 Stunden, auch mitten in der Nacht. Der Mensch, der dich kannte, wie dich sonst kaum jemand kannte. Der Mensch, mit dem du durch Höhen und Tiefen gegangen bist. Nur steht das in keinem Stammbaum.

Und jetzt stehst du da, mit einer Lücke, die offiziell keinen Namen trägt.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Der Schmerz ist riesig, aber du traust dich kaum, ihn zu zeigen. Weil du Angst hast, nicht ernst genommen zu werden. Weil du selbst zweifelst, ob du das Recht hast, so zu trauern, wenn es „nur“ dein Freund oder deine Freundin war.

Falls es dir so geht, möchte ich dir sagen: Du darfst das. Uneingeschränkt.

Wahlfamilie ist Familie

Eine Wahlfamilie besteht aus den Menschen, die du dir selbst ausgesucht hast. Nicht, weil ihr verwandt seid, sondern weil ihr euch füreinander entschieden habt. Für viele ist sie eine der wichtigsten Beziehungen im Leben und manchmal sogar die wichtigste. Besonders dann, wenn die Herkunftsfamilie gefehlt hat, fern war oder nie der sichere Ort, den man gebraucht hätte.

Der Begriff „Wahlfamilie“ kann kaum ausdrücken, wie tief diese Bindung ist. Sie ist nicht weniger echt. Oft ist sie sogar bewusster gewählt, bewusster gepflegt und genau deshalb so wertvoll.

Und genau deshalb tut ihr Verlust so weh.

Die Trauer, die oft nicht gesehen wird

Trotz dieser Tiefe fehlt häufig der Rahmen, der diesen Schmerz auffängt. Es gibt keinen Sonderurlaub, wenn deine beste Freundin stirbt. Niemand ruft dich automatisch an, wenn dein bester Freund im Krankenhaus liegt; rechtlich bist du „niemand“. Vielleicht erfährst du erst spät, dass er gestorben ist. Vielleicht wirst du nicht zur Beerdigung eingeladen. Vielleicht versteht die Herkunftsfamilie eure Beziehung nicht oder erkennt sie nicht an.

In der Trauerforschung nennt man das „disenfranchised grief“: nicht anerkannte Trauer. Trauer, die genauso real ist wie jede andere, aber von außen nicht als legitim gesehen wird.

Das macht deinen Verlust und deine Trauer nicht kleiner. Es macht nur einsamer.

Du trauerst dann oft zweifach: Um den Menschen, den du verloren hast und um das Gefühl, mit diesem Verlust nicht gesehen zu werden.

Vielleicht hast du Sätze gehört wie: „Das war doch nicht deine richtige Familie.“ „Es war doch nur deine Freundin, dein Freund.“

Solche Sätze tun weh. Sie nehmen dir genau das, was du gerade am meisten brauchst: Anerkennung.

Du darfst diese Trauer anerkennen

Die Tiefe einer Beziehung bemisst sich nicht am Verwandtschaftsgrad, sondern an eurer gemeinsamen Geschichte. Wenn ihr Alltag, Krisen und Freude geteilt habt, dann ist diese Bindung echt und deine Trauer ist es auch.

Du darfst weinen. Du darfst wütend sein. Du darfst leer sein, verzweifelt, sprachlos. Du darfst trauern, auch wenn eure Freundschaft keine Jahrzehnte gedauert hat.

Wenn der offizielle Rahmen fehlt, darfst du dir deinen eigenen schaffen:

  • ein Treffen mit gemeinsamen Freund:innen
  • ein Brief an ihn oder sie
  • ein eigener Gedenktag
  • ein Ort, der nur für eure Beziehung steht

Es muss nicht groß sein. Es muss sich für dich stimmig anfühlen.

Wenn es möglich ist, kann auch ein Gespräch mit der Herkunftsfamilie etwas verändern. Es gelingt nicht immer, aber manchmal entsteht dadurch ein vollständigeres Bild des Menschen, den ihr beide verloren habt.

Und wenn dir diese Last allein zu schwer wird:

Trauerbegleitung ist nicht an Verwandtschaftsgrade gebunden. Gerade bei Trauer, die wenig gesehen wird, kann es entlastend sein, mit jemandem zu sprechen, der versteht, ohne dass du eure Beziehung erklären musst.

Was es von uns allen braucht

Wenn jemand in deinem Umfeld um einen Freund oder eine Freundin trauert: Frag nach, statt anzunehmen. Nimm diese Trauer genauso ernst wie jede andere.

Manchmal reicht ein einziger Satz, um etwas zu verändern: „Ich weiß, wie wichtig er oder sie für dich war.“

Es geht um ehrliches Anerkennen.

Zum Schluss

Trauer kennt keine Stammbäume. Sie folgt der Liebe. Und die lässt sich nicht in Verwandtschaftsgrade einteilen.

Über die Autorin

Patrizia Lehmann seinwärts

Patrizia Lehmann I seinwärts

Ich bin Patrizia, Trauerbegleiterin und systemische Coach. Ich begleite Menschen in Zeiten von Verlust, Abschied und Veränderung: Nach einem Todesfall, beim Verlust eines Tieres oder wenn das Leben sich durch andere Umbrüche grundlegend verändert, wenn Rollen, Beziehungen oder Pläne wegbrechen und plötzlich vieles anders ist als gedacht.