
Alles im Leben hat seine Zeit, schöne Momente und schwierige. Jeder von uns wird an seine Grenzen stossen, sich nicht gesehen fühlen, traurig sein oder sich allein fühlen. Dass jeder seinen Rucksack mit Herausforderungen trägt verbindet uns. Den Mut diese Tatsache anzunehmen und die Stärke Unterstützung zu suchen unterscheidet viele Menschen. Wir, von Inn Natur, können das Erlebte nicht rückgängig machen, aber als Begleiter ein Stück des Lebensweges gemeinsam gehen, Impulse geben und Raum zum Annehmen, Auftanken und Weitergehen geben. Das tun wir nicht allein, sondern mit unseren wundervollen Tieren. Auf unserem 7h großen Hof in Niederbayern leben und arbeiten wir mit unseren 16 Schafen, 8 Hühnern, 2 Hunden und 3 Pferden.
Wenn ein Elternteil stirbt: Ein Einblick in Katharinas Geschichte
Katharina (Name geändert) und ihr Papa sind mutig und stark. Sie haben sich Unterstützung gesucht in der wohl schwersten Zeit ihres Lebens. Katharina ist 7 Jahre alt, ihr Papa Anfang 30. Ein wichtiges Familienmitglied fehlt: die Mama und Ehefrau. Gestorben im Sommer 2024 an Mukoviszidose. Dramatisch, zu Hause, in der Nacht, mit vergeblicher Wiederbelebung, im Beisein des Kindes. Das ist unvorstellbar, traurig und erschreckend. Was tun mit dem Erlebten, mit den Bildern und Gefühlen? Da ist so viel Unwissen und Unsicherheit bei Betroffenen, Angehörigen und dem Umfeld. Obwohl doch alles was geboren wird, ein mal stirbt. Wir erleben in unserer täglichen Arbeit, dass sich kaum jemand mit dem Thema Verlust auseinandersetzt, ohne dass er akut betroffen ist. In der Betroffenheit gibt es meist viel zu organisieren, viel zu bedenken und oft große, übermannende Gefühle. Wie wertvoll ist dann eine Begleitung. In unseren Augen ist das Annehmen und Ausdrücken von Gefühlen (nicht nur in Verlustsituationen) elementar. Dafür braucht es einen sicheren Ort und Menschen, die Orientierung geben können und denen man vertraut. Diesen Ort schaffen wir seit über 10 Jahren für 20–30 Menschen in der Woche. Seit 9 Monaten kommen nun auch Katharina und ihr Papa 1x/Woche zu uns in die natur- und tiergestützte Trauerbegleitung. Sie fahren 45 min mit dem Auto, die letzten 10 Minuten durch den Wald. Am Parkplatz angekommen, steigen sie aus dem Auto und gehen den kurzen Schotterweg zum Hof zu Fuß hinunter. Rechts vom Weg „gackern“ die Hühner und braune Kamerunschafe tummeln sich in der Herde, auf der linken Seite blüht eine 2h große Wiese in leuchtend bunten Farben.
Ankommen im sicheren Raum: Der erste Kontakt
Am Wegweiser, neben dem Offenstall der Pferde, nehme ich, als ausgebildete Trauerbegleiterin, Katharina und ihren Papa in Empfang. Mittlerweile sind ihnen der Ort, die Bewohner und Lebewesen vertraut, die Abläufe bekannt. Zu Beginn war das anders. Da sah und spürte man große Aufregung, Unruhe und Ungewissheit. Bei der allerersten Begrüßung fließen die Worte nur so aus Katharina heraus: „Hallo. Ich bin Katharina und meine Mama ist gestorben, nachts im Bett. Der Notarzt war da, sie hat aus der Nase geblutet.“ Ganz schön viele Information zu Beginn von einem so kleinen Mädchen.
Die besondere Rolle der Tiere in der Trauerbegleitung
Katharina begeistert sich schnell für die Tiere am Hof. Besonders für die Pferde. Zu Beginn der Begleitung zieht ein neues Pony am Hof ein: schneeweiß, 1,25 m klein, weiße lange Mähne, einem Einhorn ähnelnd. Katharina begegnet ihm unbefangen, intuitiv und zärtlich. Umschlingt seinen Hals, schmiegt sich an ihn und vergräbt Nase und Hände in seinem weichen Fell. Am Zaun steht Katharinas Papa, sichtlich bewegt. Auf Nachfrage kann er seine Dankbarkeit aussprechen, dass seiner Tochter diese besondere Form der Unterstützung zu Teil werden darf. Nähe, Berührungen und unbeschwerte Zeit kann Katharina außerhalb des Hofes schwer zulassen. Am Hof mit den Pferden gelingt dies ohne Aufforderung.
Zwischen Beerdigung und Einschulung: Ein Kind im Ausnahmezustand
Zu Hause steht die Beerdigung bevor, parallel gilt es die Einschulung zu organisieren. Riesen große, gegensätzliche Themen und das 7-jährige Mädchen erlebt sie auf ein Mal. Das würde ich gern wegzaubern (wie ähnliche Umstände in vielen anderen Familien, die ich begleite, auch) aber ich bin keine Fee. Das sage ich den Familien gleich zu Beginn. Ich kann das Geschehene nicht rückgängig machen, aber ich kann da sein. Oft sagen die Trauernden, dass sie das Gefühl haben, unsere Tiere können ein bisschen zaubern, weil es ihnen so viel besser geht, wenn sie bei ihnen sind.
Wie Pferde Halt geben: Vertrauen, Nähe und Selbstwirksamkeit
Katharina liebt es, sich um die Pferde zu kümmern: mit ihnen auf der großen Weide zu rennen, auf dem Heuboden Heu aufzuschütteln, die Mähne zu kämmen, das Mineralfutter anzumischen… unermüdlich mit großer Hingabe und dem Gefühl am richtigen Fleck zu sein und gebraucht zu werden. Das erste Mal auf dem Rücken der Pferde wird wohl für sie, ihren Papa und mich unvergesslich bleiben.
Ein Ritt durch die Dunkelheit – und ein Himmel voller Sterne
Da der Papa lang arbeitet, kommen sie erst nach 17 Uhr auf den Hof. Im Winter ist es um diese Uhrzeit dunkel. Das hält uns nicht ab zu reiten, sondern bedarf besonderer Maßnahmen, in diesem Falle einer Taschenlampe. So trägt das weiße Pony das kleine Mädchen auf seinem starken Rücken durch die Nacht und als wir die Taschenlampe ausmachen, ist der Himmel über uns voller Sterne. Katharina hält inne und sagt „auf einem davon wohnt Mama und schaut uns jetzt zu“.
Wenn ein Pony zum Anker wird
Ich bin dankbar, dass meine Tiere eine so tragende Rolle in der Begleitung einnehmen. Gemeinsam ermöglichen wir den Menschen, das Erlebte zu integrieren und damit weiterzugehen. In einer anderen Stunde malt Katharina ein Bild vom Ausritt, das ab diesem Tag neben ihrem Bett hängt. „Weißt du Susi, jetzt kann ich auch wieder besser schlafen.“ Nachdem das Schlafzimmer und das Bett durch die dramatischen Todesumstände der Mutter so lang negativ besetzt waren. Das weiße Pony trägt den Namen „Jacky“. Für den einen ist das eine nebensächliche Information, für Katharina bedeutet es die Welt. Ihre Mama trägt den gleichen Namen. Ganz schön schwer jetzt nicht mehr an Einhörner zu glauben oder was meinen Sie?
Warum Spenden so wichtig sind
Diese Form der Unterstützung ist keine Kassenleistung, sondern rein spendenbasiert. Wenn sie Kindern wie Katharina ermöglichen möchten, in ihrer Trauer tiergestützte Begleitung zu erfahren, unterstützen sie unsere Arbeit, indem sie spenden. Wir sagen von Herzen Danke dafür.
Über die Autorin

Susanne Anzeneder – Inn Natur gGmbH
Wir begleiten Kinder, Familien und Erwachsene in herausfordernden Lebensphasen – mit natur- und tiergestützter Therapie, Erlebnispädagogik und einem geschützten Raum für Entwicklung und Vertrauen. Für Eltern, Fachkräfte und Interessierte führen wir verschiedene Weiterbildungsangebote durch.