
Es gibt Branchen, in denen Vertrauen alles ist. Unsere Bestattungsbranche gehört dazu. Angehörige sitzen im Ausnahmezustand vor einer Bestatterin oder einem Bestatter, unterschreiben, wählen aus und nicken ab. Sie verlassen sich darauf, dass das, was ihnen als „würdevoll“, „klassisch“, „hochwertig“ oder „Satin“ angeboten wird, auch fachlich, rechtlich und ökologisch in Ordnung ist. Genau hier beginnt der Skandal.
Synthetische Materialien – ein Thema, das selten hinterfragt wird
Bis heute werden Produkte angeboten, die zumindest Fragen aufwerfen müssen: Deckengarnituren, Sargausstattungen, textile Beigaben mit Kunstfaseranteilen, Vliesstoffen oder synthetischen Komponenten. Und viel zu oft wird nicht kritisch genug gefragt: Darf das überhaupt in die Erde? Verrottet das wirklich? Oder legen wir gerade Plastik mit ins Grab?
Rechtliche Vorgaben: klarer als viele denken
Das Problem ist nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich heikel. Fast alle Friedhofssatzungen schreiben vor, dass Särge, Sargausstattungen und Beigaben leicht verrottbar sein müssen. Formulierungen wie „aus leicht verrottbaren Werkstoffen, Papierstoffen oder Naturtextilien“ sind Standard. Polyester, Polypropylen-Vlies und Mikrofasern passen dazu nicht. Diese Materialien sind innerhalb der Ruhezeit nicht vollständig vergänglich.
Wenn Fachhandel und Praxis versagen
Trotzdem landet solche Ware im Bestatterbedarf und damit im Sortiment von Bestattungsunternehmen. Ein Anbieter weist bei einer Deckengarnitur sogar ausdrücklich auf lokale Bestimmungen hin und nennt gleichzeitig ein Rückenteil aus PP-Vlies. Genau an diesem Punkt müsste jede Fachperson hellwach werden. Doch in der Praxis passiert oft das Gegenteil: Angehörige fragen selten nach Faseranteilen. Wer gerade einen Menschen verloren hat, studiert keine Materialdatenblätter.
Verantwortung im Beratungsgespräch
Genau dafür gibt es Fachleute und genau dafür bezahlen Familien ihre Bestatterinnen und Bestatter. Dieses Vertrauen wird beschädigt, wenn synthetische Materialien als unproblematische Ausstattung durchgereicht werden. Der Kunde sieht ein Kissen, eine Decke, einen Talar, aber nicht die möglichen Kunstfasern, Rückstände oder Verstöße gegen Friedhofsvorgaben.
Die gute Nachricht: Es gibt längst Alternativen
Besonders bitter: Die Alternativen existieren. Es gibt biologisch abbaubare Deckengarnituren aus Baumwolle, Baumwollwatte, Viskosevlies und Baumwollgarn. Niemand kann also behaupten, es gehe nicht anders. Es geht anders, aber offenbar ist es bequemer, billiger oder gewohnter, nicht genauer hinzusehen.
Die Fragen, die sich die Branche stellen muss
Warum wird Bestattungswäsche nicht standardmäßig nachweisbar verrottbar angeboten? Warum gibt es keine klare Materialkennzeichnung im Beratungsgespräch? Warum müssen Hinterbliebene darauf vertrauen, dass schon alles stimmen wird, während selbst Fachshops Produkte mit synthetischen Bestandteilen führen?
Das Grab ist kein Entsorgungsweg
Das Grab ist kein Ort, an dem Textilkunststoffe verschwinden sollen. Und eine Beerdigung ist kein Moment für Materialschlamperei. „Haben wir immer so gemacht“ ist keine Ausrede, wenn Friedhofssatzungen längst etwas anderes verlangen.
Drei Fragen für verantwortungsvolle Bestatter:innen
Bestatterinnen und Bestatter, die ihren Beruf ernst nehmen, sollten ab sofort nur noch drei Fragen stellen:
- Ist es vollständig verrottbar?
- Ist es satzungskonform?
- Kann ich es den Angehörigen ehrlich erklären?
Wenn eine dieser Fragen nicht klar mit Ja beantwortet werden kann, gehört das Produkt nicht in den Sarg – sondern aus dem Sortiment.
Über den Autor

Werner Kentrup – Bestattermeister in Bonn
Dich interessiert das Thema nachhaltige Abschiedsgestaltung? In einem Video-Interview spricht Bestatter Werner Kentrup darüber, was heute im Abschied möglich ist – von ökologischen Materialien bis zu wirklich nachhaltigen Abläufen. Er zeigt, wie An‑ und Zugehörige einen Abschiedsweg finden können, der ökologisch und menschlich stimmig ist.