
Auch wenn es bisweilen den Eindruck macht, als würde das Thema Nachhaltigkeit in öffentlichen Debatten an Bedeutung verlieren, bleibt ökologisch verantwortliches Handeln eine zentrale Herausforderung unserer Zeit. Losgelöst von individuellen Überzeugungen sehen wir uns alle mit den begrenzten Ressourcen unseres Planeten konfrontiert und sind aufgefordert, zukunftsfähige Antworten zu finden.
Als Herstellerinnen von Produkten erscheint uns der Begriff „Nachhaltigkeit“ oft als inhaltsleerer Werbeslogan auf Firmenwebsites. Als Designerinnen im perimortalen Raum sehen wir hier eine interessante Parallele zwischen Bestattungskultur und Krisenmanagement. Denn ebenso unausweichlich wie die Endlichkeit natürlicher Ressourcen ist die Endlichkeit des menschlichen Lebens – von transhumanistischen Bemühungen einmal abgesehen. Beide Aspekte entziehen sich in weiten Teilen unserer Kontrolle und stellen uns vor die Wahl: Konfrontation oder Verdrängung? Entscheidend ist hierbei weniger, ob wir sie verändern können, sondern wie wir mit ihnen umgehen. In diesem Umgang zeigt sich für uns immer wieder, was nachhaltiges Denken tatsächlich bedeutet.

Mut zur Konfrontation
Sowohl ökologische Krisen als auch der Tod sind Themen, die viele Menschen überfordern. Während ökologische Fragen oft abstrakt und sehr komplex erscheinen, trifft ein Todesfall viele Menschen unmittelbar und erfordert schwierige Entscheidungen unter Zeitdruck. In dieser akuten Situation spielt Nachhaltigkeit häufig eine untergeordnete Rolle. Aus Gesprächen mit Bestattenden wird immer wieder deutlich, dass zunächst organisatorische und finanzielle Aspekte im Vordergrund stehen.
Anders verhält es sich bei der Bestattungsvorsorge. Menschen, die sich zu Lebzeiten mit ihrem eigenen Tod auseinandersetzen, treffen Entscheidungen bewusster und entscheiden sich zunehmend für nachhaltige Produkte und naturnahe Formen der Bestattung. In dieser frühen Auseinandersetzung liegt eine Form der Selbstwirksamkeit, die den eigenen Wünschen Ausdruck verleiht und Angehörige entlastet. So entsteht Raum für Gespräche, für Fragen und für informierte Entscheidungen.
Dabei wird häufig deutlich, dass grundlegende Annahmen über Abläufe und Pietätsartikel nicht zutreffen. So gehen viele Menschen beispielsweise davon aus, dass Produkte, die in der Erde vergraben oder beigesetzt werden, automatisch umweltverträglich sind. Erst im Gespräch wird jedoch klar, dass nach wie vor langlebige Materialien wie Kunststoffe, Metalle oder umweltschädliche Lacke Teil der Praxis sind – oft entgegen der Erwartungen der Betroffenen. Eine Studie des Rheingold Instituts im Auftrag der Firma Friedwald aus dem Jahr 2024 zeigt, dass der Wunsch nach naturnahen Bestattungsformen insbesondere im Kontext von Vorsorge geäußert wird. Darin wird deutlich, dass Waldbestattungen signifikant häufiger auf den expliziten Wunsch der verstorbenen Person zurückzuführen sind, während klassische Bestattungsformen stärker durch gesellschaftliche Konventionen geprägt sind.
Wir schließen für unsere Praxis daraus, dass eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit nicht nur eine Entlastung für Angehörige sein kann, sondern auch ökologische Produkte und Bestattungsformen begünstigt. Darüber hinaus berichten viele Menschen, dass diese Auseinandersetzung ihren Blick auf das eigene Leben positiv beeinflusst und die Verbindung zu ihren Mitmenschen gestärkt hat.
Beide Themen, sowohl die ökologische Nachhaltigkeit als auch der Todesfall verbindet die Feststellung, dass abseits der akuten Krisensituation persönlichere, werteorientierte und langfristig bessere Entscheidungen getroffen werden können.

Nachhaltigkeit als Voraussetzung und nicht als „Nice to have“
Vor diesem Hintergrund stellt sich den Herstellern im Bestattungswesen die Frage, welche Rolle die Nachhaltigkeit im eigenen Handeln spielt. Ist sie eine Reaktion auf eine veränderte Nachfrage oder eine grundlegende Haltung? Wir sind überzeugt, dass nachhaltiges Handeln langfristig nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig ist und sich auszahlen kann. Wer ökologische Materialien bezieht, auf Umweltverträglichkeit achtet und transparente Lieferketten etabliert, bereitet sich nicht nur auf die Zukunft vor, sondern schafft auch in unserem sensiblen Bereich Klarheit für die Hinterbliebenen. Früh getroffene ökologisch sinnvolle Entscheidungen wirken sich später auf die eigene Handlungsfähigkeit aus.
Das zeigt sich insbesondere dort, wo sich gesetzliche Rahmenbedingungen verändern. Mit der seit September 2025 erlaubten Flussbestattung in Rheinland-Pfalz sind im Rahmen der Gesetzgebung neue Anforderungen entstanden. So muss beispielsweise sichergestellt werden, dass Urnen aus „wasserlöslicher Zellulose“ bestehen. Als Hersteller von Urnen aus Papier, der grundsätzlich darauf achtet, dass die verwendeten Papiere nur aus Pflanzenfasern bestehen, konnten wir schnell auf die neue Situation reagieren.
Innerhalb weniger Monate haben wir die Flussurne „Asterias“ entwickelt. Dabei mussten wir lediglich unser Design so anpassen, dass die Urne optimal im Fluss funktioniert. Das Papier hatten wir bereits von unserer Seeurne „Kaizen“. Im Unterschied zur Seeurne haben wir auf eine zusätzliche Verstärkung des Bodens verzichtet und stattdessen mit einer präzisen Faltung gearbeitet. Diese erzeugt Stabilität aus dem Material selbst heraus. Die reduzierte Form verringert den Auftrieb, sodass die Urne auch bei starker Strömung und Ufernähe zuverlässig sinkt.
Zusammengefasst hat es sich in dieser Situation ausgezahlt, dass wir von Anfang an auf ökologisch unbedenkliche Naturmaterialien gesetzt haben. Für uns als Hersteller bedeutet das, Nachhaltigkeit nicht als Zusatz, sondern als Grundlage des eigenen Handelns zu verstehen. Wer diese Haltung bereits bei der Entwicklung seiner Produkte und Dienstleistungen einnimmt, reagiert nicht nur auf Veränderungen, sondern ist auch in der Lage, diese aktiv mitzugestalten.
Aus unserer Sicht ist Nachhaltigkeit im Bestattungswesen somit kein isoliertes Spezialthema, sondern Teil einer größeren gesellschaftlichen Entwicklung. Sie verbindet ökologische Verantwortung mit der Frage, wie wir Abschied gestalten und welche Werte wir dabei zum Ausdruck bringen, die wir auch im Leben vertreten.
Wie wir sterben, sagt viel darüber aus, wie wir leben.
Zu guter Letzt noch eine Frage, die uns in unserer schnelllebigen und zunehmend technologisierten Zeit umtreibt: In welchen Bereichen bleiben menschliche Nähe und bewusste Langsamkeit unverzichtbar und was hat Nachhaltigkeit damit zu tun?
Nachhaltigkeit lässt sich in diesem Zusammenhang nicht ausschließlich im Kontext ökologischer Produkte und Prozesse verstehen. Sie umfasst auch eine emotionale Dimension: sich Zeit zu nehmen, Gespräche zu führen, Entscheidungen bewusst zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Diese Form der Auseinandersetzung schafft eine Tragfähigkeit, die über den Moment hinauswirkt, sowohl für die Betroffenen selbst als auch für ihre Hinterbliebenen.
Gleichzeitig beobachten wir aufmerksam, wie sich das Feld der Bestattungsformen und der Trauerbewältigung weiterentwickelt. In Gesprächen wird dabei immer wieder deutlich, dass die Vorstellungen vieler Menschen nicht mit der tatsächlichen Praxis übereinstimmen. Oft besteht die intuitive Annahme, dass der eigene Körper nach dem Tod gewissermaßen „in den Kreislauf der Natur zurückkehrt“ und sich auf natürliche Weise auflöst. Dieses Bild ist zwar kulturell tief verankert, entspricht jedoch nur bedingt den realen Bedingungen heutiger Bestattungsformen.
So bleibt etwa nach einer Kremation nicht „Asche“ im umgangssprachlichen Sinne zurück, sondern ein mineralischer Rest, dessen Entstehung mit einem erheblichen Energieaufwand verbunden ist. Doch auch bei klassischen Erdbestattungen stellen sich Fragen zu den tatsächlichen Abbauprozessen. Medikamentenrückstände, andere Medizinprodukte und Sargmaterialien können Böden belasten. Nährstoffarme, trockene und verdichtete Böden schränken den Prozess der natürlichen Zersetzung deutlich ein. Die Vorstellung eines vollständig unproblematischen Rückgangs in natürliche Kreisläufe muss daher differenzierter betrachtet werden, als es auf den ersten Blick scheint.
Vor diesem Hintergrund wächst das Interesse an alternativen Verfahren wie der Terramation oder der alkalischen Hydrolyse. Diese Ansätze versprechen, energiearme, biologische Prozesse stärker in den Mittelpunkt zu stellen, und werden derzeit in vielen Ländern getestet und intensiv diskutiert. Unabhängig davon, ob und in welcher Form sie sich langfristig etablieren, leisten sie bereits jetzt einen wichtigen Beitrag, denn sie regen dazu an, grundlegende Fragen zu stellen und die eigenen Vorstellungen vom Umgang mit dem Körper nach dem Tod zu hinterfragen.
Mein digitales Afterlife trinkt dein Wasser
Ein ähnlicher Diskurs zeichnet sich auch im Bereich der Trauer ab. Hier werden immer wieder romantisierte „Lösungen“ für Grundbedürfnisse und Gefühle angeboten. Digitale Technologien eröffnen mit sogenannten „Griefbots“ neue Möglichkeiten, da sie die Interaktion mit digitalen Abbildern Verstorbener ermöglichen. Diese Entwicklungen werfen jedoch nicht nur ethische, sondern auch ökologische Fragen auf. Denn auch digitale Systeme sind an materielle Ressourcen der analogen Welt gebunden: Serverinfrastrukturen benötigen Energie, Kühlung und Wasser. Die Nutzung solcher Technologien wirkt sich somit über den Tod hinaus auf den Ressourcenverbrauch der Lebenden aus. Einfach formuliert sollte sich daher jeder die Frage stellen: „Will ich, dass eine digitale Version meiner selbst nach dem Tod die Ressourcen der Lebenden verbraucht?“
Und auch für die Angehörigen entstehen neue Herausforderungen. Wer übernimmt die potenziell langfristige finanzielle Belastung durch solche Angebote und welche Auswirkungen hat dies auf den Trauerprozesse selbst? Wenn technische Systeme darauf ausgerichtet sind, Präsenz zu simulieren und Beziehungen „positiv“ (und damit nicht immer realistisch) fortzuführen, könnte sich der Umgang mit Abschied und Verlust verändern. Dies könnte zur Verklärung komplizierter zwischenmenschlicher Beziehungen führen und eine eigene Weiterentwicklung nach dem Verlust verhindern. Grundlegend ist die Frage, ob ökologische und soziale Nachhaltigkeit in diesem Kontext nicht auch bedeutet, das Loslassen zuzulassen und Räume zu schaffen, in denen Trauer verarbeitet und nicht konserviert wird.
Diese Entwicklungen zeigen, dass Nachhaltigkeit im Bestattungswesen weit mehr umfasst als nur Produkte und Bestattungsformen. Sie betrifft auch die Art und Weise, wie wir über Tod und Vergänglichkeit sprechen, welche Bilder wir damit verbinden und welche Entscheidungen wir daraus für unser Leben ableiten. Gerade in dieser Auseinandersetzung liegt die Chance, bestehende Praktiken zu hinterfragen und neue, bewusstere Formen des Umgangs mit unserer Endlichkeit zu entwickeln.
Über die Autorinnen

Katharina Scheidig und Kristina Steinhauf
unmute.design ist ein Designstudio, das nachhaltige und interaktive Produkte für den perimortalen Raum entwirft. Unter dem Namen urnfold stellen wir zum Beispiel in Handarbeit Papierurnen her.