Der schmale Grat zwischen Mitleid und Mitgefühl

Ein kleiner Trostkompass für mehr Sicherheit beim Trösten

Heute war es mal wieder soweit: In der Trauergruppe sprachen wir über all die vermeintlich tröstenden Worte und über all die hohlen, mitunter zutiefst verletzenden Sprüche, die uns nach unserem Trauerfall zu Ohren kamen. Allein mit diesen unsäglichen Beileidsfloskeln könnte ich diesen Beitrag füllen. Warum gibt es davon so viele? Keinen Trauernden haben Sie je getröstet. Was wir wirklich brauchen, ist ein grundlegender Wandel in der Haltung gegenüber Tod und Trauer: eine Rückholung ins Leben, eine Enttabuisierung im Alltag und eine Entpathologisierung. Denn Trauer ist keine Krankheit – sie ist ein Vollzeitjob. Ohne Pausen.

Echtes Mitgefühl? Oft Fehlanzeige

Wenn Trauer der Preis für die Liebe ist, dann sind Tränen ihre Währung. Doch mit dem Verlust unserer Trauerkultur ist auch unsere Trostkultur verschwunden. Während Trauernde sich in unseren Breitengraden oft ins stille Kämmerlein zurückziehen – oder gesellschaftlich dazu ermutigt werden („Trauernde lässt man besser in Ruhe“) – zeigen sich auf Seiten der potenziell Tröstenden Unsicherheit und Hilflosigkeit. Bloß nicht ins Fettnäpfchen treten… Dann lieber gar nichts sagen.

Kinder hingegen zeigen ihr Mitgefühl noch ungefiltert und intuitiv. Sie haben keine Scheu, sich von den Tränen anderer berühren zu lassen. Doch je älter wir werden, desto mehr übernimmt der Kopf die Kontrolle über den Bauch – und das Mitfühlen fällt zunehmend schwerer.

Jede Träne, die wir uns vorne verkneifen…

…stellt sich hinten wieder an!

Wenn wir Schmerzen haben, weinen wir. So sind wir gebaut. Warum also schämen wir uns dafür? Warum wischen wir die Tränen sofort weg?

Und warum glauben wir, wir müssten etwas sagen, wenn jemand trauert? Sprüche wie „Das Leben geht weiter“ sind oft Ausdruck unserer Überforderung – und unserer Angst vor der Konfrontation mit dem Tod. Tränen anderer wirken wie Alarmsignale, die unseren Fluchtreflex auslösen. Doch in der Vermeidung können wir nicht lernen, was uns selbst unausweichlich bevorsteht: mit dem Verlust geliebter Menschen umzugehen.

Um einem Freund, einer Freundin oder einem Familienmitglied wirklich beizustehen, braucht es eine neue Sicherheit im Trösten. Und ja – die kommt vor allem durch Übung.

Der kleine 4-Wege-Kompass

1. Zumuten

Hier steigen leider schon viele aus. Ja, Trauernden beizustehen kann anstrengend und emotional fordernd sein. Die Gründe, sich die Trauer anderer nicht zumuten zu wollen, sind vielfältig. Es scheint einfacher zu sein, den Kontakt lieber zu vermeiden. Ich habe mal gehört, dass der Tod das Telefonbuch nochmal neu sortiert und habe das sehr gefühlt. Besonders schmerzhaft ist das bei Lieblingsmenschen. Doch Trauernde merken sehr genau, wer sich nicht meldet.

Vielleicht hilft dieser Perspektivwechsel: Als Tröstende kehrst du nach dem Treffen in dein „Leben davor“ zurück – und kannst dort auch auftanken. Trauernde können das nicht. Dieses „Leben davor“ existiert nicht mehr. Du wirst also – außer ein paar Tränen – nichts verlieren, eure Freundschaft kann sogar an Tiefe gewinnen.

2. Zuwenden & Zuhören

Viele haben Angst, etwas Falsches zu sagen. Doch warum überhaupt etwas sagen? Zugewandtes Zuhören reicht oft völlig aus. Wenn du unsicher bist, frag einfach: „Darf ich dich kurz etwas fragen?“ Manchmal kann es hilfreich sein, eigene Erfahrungen zu teilen: „Möchtest du wissen, wie das bei mir war?“

Zuhören und Hinhören heißt auch, sich selbst zurückzunehmen. Jeder trauert anders, jeder Verlust ist anders. Vergleiche sind selten hilfreich – genauso wenig wie ein „Battle“, wer es am schlimmsten getroffen hat.

3. Zeit schenken

Schenk der trauernden Person deine Zeit – für ihre Trauer und mit konkreten, praktischen Angeboten: „Morgen bringe ich dir eine Suppe“, „Kann ich dich begleiten?“ oder „Am Samstag möchte ich mit dir spazieren gehen.“ Frag dich: Was würdest du dir selbst in dieser Situation wünschen?

Noch eine Bitte: Vermeide den Satz „Melde dich, wenn du etwas brauchst“. In der Trauer ist man dazu kaum fähig. Und das, was am dringendsten gebraucht wird, ist ja gerade gestorben. Dieser Satz schiebt die Verantwortung zurück – und das ist eine Last, die Trauernde nicht auch noch tragen können.

4. Zuverlässig dranbleiben

Verlässlichkeit und Treue sind essenziell. Kleine, regelmäßige Gesten sind hilfreicher als ein einmaliges Gespräch. Viele Trauernde erleben ein gutes erstes Gespräch – und dann Funkstille. Der englische Begriff „geghostet werden“ passt leider oft erschreckend gut.

In der Trauer gleicht dein Zustand einer Operation am offenen Herzen. Alles schmerzt. Man reagiert sensibel, ist fahrig, unkonzentriert, aufbrausend – oft alles zugleich. Das liegt auch am hormonellen Ausnahmezustand, den der Körper in der Trauer produziert.

Bleib dran – auch wenn deine Angebote mehrfach abgelehnt wurden. Es ist nie persönlich gemeint.

Zum Schluss ein Satz meiner Trauerbegleiterin, der uns allen ein roter Faden sein kann:
„Physische Wunden brauchen einen Verband – seelische Wunden brauchen Verbundenheit.“

Über die Autorin

Nanni Denecke-Manthey
Tränenreich I Laden & Werkstatt für Trauernde & Tröstende

Ich bin Nanni Denecke-Manthey, lebe in Potsdam und habe hier im Herbst `23 das TRÄNENREICH eröffnet, meine Ladenwerkstatt für Trauernde & Tröstende. Seitdem helfe ich Trauernden passende Trost- und Erinnerungsstücke für sich zu finden, selbst anzufertigen oder anfertigen zu lassen.