Ein Abschied, der durch die Trauer trägt – Warum die Beerdigung meiner Tochter eine schöne Erinnerung ist

Rote Luftballons, die langsam immer höher und höher in die Luft steigen. So hoch, bis sie schließlich nur noch als winziger Punkt und dann gar nicht mehr wahrnehmbar sind. Die meisten Menschen werden bei diesem Bild wahrscheinlich an einen Kindergeburtstag oder eine Hochzeit denken. Auf jeden Fall an strahlende Augen, die dem Ballon beim Steigen zusehen. An Menschen, die gemeinsam einen besonderen Tag feiern. Einen Tag, der unvergesslich bleibt. Und so ist das auch an meinem unvergesslichen Tag – nur sind die roten Luftballons Teil der Beerdigung meiner Tochter Isabella.

„Wenn ich also an rote Luftballons denke, dann denke ich an Abschied“

Wenn ich also an rote Ballons denke, dann denke ich an Abschied, an heiße Tränen auf meinen Wangen, an einen von Trauer und Schmerz verschleierten Blick und an viele mitfühlende Blicke meiner Mitmenschen. Aber ich denke auch an die vielen gemeinsamen und kostbaren Momente mit meiner Familie, in denen wir den Abschied von Isabella gestalten. Ein Abschied, der für meinen Trauerweg unendlich kostbar ist.

Aber wie plant man nun den Abschied seines eigenen Kindes? Eines kleinen Menschen, der doch seine Eltern überleben sollte? Ich hatte in der Vergangenheit keinerlei Erfahrungen mit den Themen Tod, Trauer und Abschiednehmen gesammelt. Meine Tochter ist der erste Mensch, den ich verloren habe. Und so werde ich sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen, ohne jegliches Wissen, was da nun alles auf mich zukommen wird.

Aber gleichzeitig ist das irgendwie auch meine Rettung – ich habe keine Ahnung was „man“ macht, wie „man“ eine Beerdigung üblicherweise gestaltet. Also mache ich das, was Mütter üblicherweise tun: ich höre und vertraue auf meinen Mutterinstinkt. Ich mache all das, was sich für mich und meine Familie stimmig anfühlt. Was Isabella gerecht wird. Ich möchte dir mit meinen Zeilen einen Einblick in meinen Weg geben. Nicht, um damit zu sagen, dass das der richtige Weg wäre. Vielmehr, um zu zeigen, was auch möglich ist. Um dir Mut zu machen, deinen eigenen Abschieds- und Trauerweg zu gehen. Weil ein von Herzen gelebter Abschied durch die Trauer trägt. Und mein bzw. unser Abschiedsweg sieht so aus:

„Im Abschied von einem geliebten Menschen ist keine Eile geboten“

Isabella darf mit acht Monaten friedlich in meinen Armen sterben. Mein Mann weicht uns in diesen Momenten keine Sekunde von der Seite.

Drei Tage nehmen wir uns als Familie zu Hause die Zeit, um voneinander Abschied zu nehmen. In aller Ruhe und mit ihr in unserer sicheren Mitte. Von Isabellas Patin erfahre ich, dass wir uns diese Zeit nehmen dürfen. Im Abschied von einem geliebten Menschen ist keine Eile geboten. Es bleiben uns nur noch diese letzten Stunden, also verbringen wir sie gemeinsam. Da wir unsere Tochter anschließend nicht in der kalten Leichenhalle des Friedhofes wissen möchten, entscheiden wir uns für eine Aufbahrung in einem Bestattungsinstitut.

In einem eigenen Zimmer ist uns dort jederzeit die Möglichkeit gegeben, unsere Isabella zu besuchen und auch Freunde und Familie können dort letzte Worte des Abschieds an sie richten. Ihr Zimmer gibt uns allen dabei so viel Licht, Liebe und Geborgenheit. Tag und Nacht ist es von Kerzen erleuchtet und von Aromaölen beduftet. Ein Ort, um anzukommen und Abschied zunehmen. Ein Ort, den wir keinesfalls missen möchten.

„Momente und Taten, die uns in unserer Trauer miteinander verbinden“

Dann kommt er, der Tag der Beerdigung. Der Anblick beim Betreten der Einsegnungshalle überwältigt uns schier:

Isabella in ihrem kleinen Weidenkörbchen, daran befestigt zwei Luftballons. Alles eingebettet in ein Meer aus Blumen, leuchtenden Kerzen und samtenen Tüchern. Dekoriert in ihren Lieblingsfarben rot und rosa. Am Rednerpult die eingangs erwähnten roten Luftballons. Mittendrin schaut mir meine Tochter von einem Foto mit ihren neugierigen blauen Augen entgegen. Neben ihrem Weidenkörbchen steht ein kleines Rosenbäumchen, welches nach der Beisetzung auf ihrem Gärtchen einen Platz bekommen wird. Daran hängen zahlreiche Papp-Herzen mit den Namen aller Familienmitglieder, die ebenfalls schmerzlich Abschied nehmen müssen. All diese rosafarbenen Herzen haben wir zuvor gemeinsam als Familie im Bestattungsinstitut gebastelt. Momente und Taten, die uns in unserer Trauer miteinander verbinden. Kostbare Momente, die noch heute in unseren Gesprächen für strahlende Augen und ein Gefühl der Verbundenheit sorgen.

Die Trauergäste haben wir vorab gebeten, sich nicht komplett in schwarz zu kleiden. Und so hat an diesem Tag jeder irgendein Kleidungsstück in rot oder rosa an. Hier ein rosa Schal, dort rote Schuhe, eine rosa Handtasche oder eine rote Jacke. Isabellas Augen strahlen ganz gewiss bei diesem Anblick der Farben, die sie zu Lebzeiten so sehr faszinierten.

„Ein Akt der Liebe, der uns vollkommen überwältigt“

Auch die Abschiedszeremonie ist von uns selbst gestaltet. Familienmitglieder lesen Gedichte vor, die uns seither auf unserem Trauerweg stützen. Eine ihrer Patinnen trägt Isabellas Biographie vor, die ich selbst verfasst habe. Stundenlag saß ich zuvor im Bestattungsinstitut neben meiner Tochter und die Worte der Liebe und des Abschieds flossen nur so aus mir heraus.

Genau diese Worte am Tag des Abschieds von einer uns so wichtigen Person zu hören: das ist für uns alle ein unfassbar emotionaler Moment. Jede Träne, jedes von Liebe erfüllte Wort, jede vor Überwältigung entstehende Pause – all das ist noch heute präsent in uns. Beigesetzt wird Isabella in einer Erdbestattung. Wir hatten von Beginn an im Gefühl, dass wir diesen Ort auf dem Friedhof für uns und unsere Trauer brauchen würden. Und weil wir in den gemeinsamen acht Monaten von Isabellas Leben jeden einzelnen Schritt stets zu dritt gegangen sind, tragen mein Mann und ich unsere Tochter nach der Zeremonie von der Einsegnungshalle zu ihrem kleinen Gärtchen – gehen also auch den letzten Weg zu dritt. Sie hinunterzulassen in die Erde – dazu fehlt uns beiden die Kraft. Und so entscheiden sich ihre vier Patinnen dazu, Isabella der Erde zurückzugeben. Ein Akt der Liebe, der uns vollkommen überwältigt.

Dann lassen wir die Luftballons steigen. Jeder versehen mit einem guten Wunsch für unsere Tochter. Und es ist ein wunderschönes Bild, wie diese vielen roten Luftballons miteinander in den blauen Himmel steigen und unsere Worte der Liebe überbringen.

„Abschied, der nicht hätte schöner sein können“

Und ja, rote Luftballons sehen wir seit diesem Tag nicht mehr völlig unvoreingenommen und wir denken bei ihrem Anblick auch nicht an unbeschwerte Feste. Für uns stehen rote Luftballons für Abschied – einen Abschied, der nicht hätte schöner sein können. Denn ja: Trotz all des Schmerzes, der dieser Tag und viele weitere mit sich bringen – der Abschied von Isabella war schön, weil wir ihn aus unserem Herzen und Bauch heraus gelebt haben. Wenn du diese Zeilen liest, weil auch du einen dir wichtigen Menschen verabschieden musst:

Hab Mut und folge deinem Herzen und Bauchgefühl! Ein Abschied darf nach den Wünschen des Verstorbenen und der Angehörigen gestaltet werden.

Denn, wenn der Abschied aus dem Herzen kommt, dann leben diesen Erinnerungen auch ein Leben lang in dir weiter – sie tragen dich durch deine Trauer. Trösten dich in Zeiten, wo der Schmerz über den Verlust deines geliebten Menschen dir ansonsten schier den Atem nimmt.

Schaffe Erinnerungen, die dich in deiner Trauer tragen.

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Julia begleitet
Trauerbegleiterin

„Julia begleitet“

Dahinter steht Julia, Trauerbegleiterin, Gesundheitsberaterin und Mutter von zwei Kindern im Herzen und einem an der Hand.

Sie schreibt über die Themen Kindsverlust, Tod und Trauer und den langen und steinigen Weg zurück ins Leben. Dabei steht sie verwaisten Müttern mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen, aber auch dem Fachwissen aus der Trauerbegleitung und der Gesundheitsberatung stärkend zur Seite.