Das Kartenhaus – wenn Systeme ins Schlingern geraten

Das Kartenhaus – wenn Systeme ins Schlingern geraten …

Es braucht eine Menge an Geduld, Behutsamkeit und vorsichtige Finger, um ein ganzes, möglichst großes Kartenhaus zu bauen. Eine unbedachte Bewegung, ein unerwarteter Luftzug und schon ist das ganze fragile Gebilde zum Bedauern aller in sich zusammengefallen. Alle Karten liegen jetzt flach auf der Unterfläche. Wer jetzt dennoch ein Kartenhaus haben möchte, muss leider wieder ganz und gar von vorn anfangen. Der Zusammenbruch erfolgt auch unweigerlich dann, wenn irgendjemand eine der aufgestellten Karten herausziehen sollte – schade drum!

Systeme in diesem Falle Kartenspiele sind durchaus empfindliche Angelegenheiten. Alle Systeme wollen gern in Balance sein und geraten doch immer wieder ins Wanken. Je größer sie werden, desto langsamer, unbeweglicher und starrer werden sie und können sich doch nicht dagegen erwehren, ununterbrochen Einflüssen und Veränderungen ausgesetzt zu sein.

Jeder einzelne Bestandteil der Gemeinschaft ist wichtig für den Gesamtzusammenhalt und gleichzeitig für sich und alle anderen verantwortlich.

Die Natur lebt uns in beispielhafter Weise vor, wie ein so großes System funktionieren kann: wesentliche Faktoren dazu sind: synergetischer Zusammenhalt, Kommunikation und Selbstorganisation. Hier ist alles lebendig und miteinander verwoben. Systeme haben dazu die Eigenschaft, dass sie umso unflexibler werden, je dogmatischer und rigider der Charakter ist, der sie regiert. Das ist in der Politik nichts anderes als in einer Stadt- oder Dorfgemeinschaft, einem gemeinsamen Kegelklub oder einer Familie. Unvorstellbar große Systeme sind beispielsweise das Planetensystem oder ein ganzer lebendiger Organismus. Kleine Systeme dagegen wären ein Kuchenteig oder Tränenflüssigkeit – doch bei genauerem Hinsehen kann leicht festgestellt werden, dass auch sie eine schier unglaubliche Komplexität aufweisen.

Kartenhaus

Der große Zusammenhalt oder die große Einsamkeit

Alles, was lebt, trägt offensichtlich den Drang und die Sehnsucht nach Verbindung in sich, auch wenn dieser Wunsch unterschiedlich ausgeprägt ist. Wir alle möchten irgendwo zugehörig sein. Es gibt keinen Unterschied, egal, wie komplex, klein oder groß das jeweilige System zu sein scheint. Autarkie und Unabhängigkeit sind Illusionen. Wer ganz und gar auf sich allein gestellt ist, ist im Grunde leider doch mutterseelenallein und landet irgendwann punktgenau in der Einsamkeit.

Die Waage einer Familiengemeinschaft

Jener ausbalancierte Zustand, in dem sich alle Einzelteile des Systems innerhalb diesem mit einer trancegleichen Selbstverständlichkeit bewegen, ihren Platz einnehmen, ihn ausfüllen und aus diesem Schutzraum heraus agieren, ist eine traumhafte Vision. Dann stimmt ganz einfach alles. Harmonie und Handlungsfähigkeit bestimmen ein solches (Familien-) System. Das, was sich der Harmonie nicht angepasst hat oder will und ihr nicht entspricht, wird in Familien normalerweise unter den Teppich gekehrt, damit das System in der gewohnten und geübten Form bestehen und weiter agieren kann.

Wenn eine Person den angestammten Platz verlässt, gerät das ganze System aus den Fugen.

Die Auswirkungen auf das ganze System sind dann unvermeidlich. Es schlingert, es trudelt und versucht taumelnd, das Gleichgewicht wieder zu erlangen. Das ist auf einem Schwebebalken nichts anderes als dann, wenn in einem Familiensystem eine Person erkrankt ist und ihren Platz verlässt oder sogar stirbt. Das ganze fragile, aufgebaute Gebäude ist in Gefahr aus der Bahn geworfen zu werden, wenn ein Platz ganz plötzlich nicht mehr ausgefüllt ist. Das System beginnt ins Wanken zu geraten, denn jetzt gerät jede sichere Gewohnheit aus den Fugen.

Einem Erdbeben gleich

Wenn sich tektonische Platten auf unserem Erdball aneinander reiben, können Erdbeben mit folgenschweren Tsunamis als mögliche Folge auftreten. Ähnlich sieht es aus, wenn Familiengefüge auseinander geraten. Ein über viele Jahre, Jahrzehnte und sogar Generationen erlerntes und aufgebautes System ist mit dem Fehlen einer Person am Ende angelangt und wird in einem winzigen kleinen Moment gesprengt. Jetzt sind die einzelnen Positionen überhaupt nicht mehr klar.

Wird eine Karte aus dem Kartenhaus herausgezogen, droht das ganze mühsam aufgebaute Haus mit seinen schwachen Wänden vollends in sich zusammenzufallen.

Alle, die in dem Familiensystem ihren Platz eingenommen haben, sind verunsichert. Es scheint, als werde das ganze System neu aufgemischt und muss wieder ganz und gar von Anfang beginnen. Wie oft streiten sich Erbengemeinschaften nicht nur um das materielle Erbe, sondern um Kompetenzen und Entscheidungen im Abschiedsprozess. Das sind die herausfordernden Momente, in denen alles wieder unter dem Teppich hervorquillt, was mühsam darunter verborgen war.

Es ist kein Wunder, wenn in solchen Situationen von Krankheit und Tod, ein Erdbeben entstehen kann. Alle Einzelteile des bisherigen Systems sind in Aufruhr, die Balance ist verloren gegangen und das Familienschiff schlingert in den hohen Wellen gewaltig. Viele Familiengefüge sind nach Katastrophen, die sich innerhalb des Systems abspielen können, deshalb dauerhaft auseinander gebrochen.

Diversität im System

Jeder biologische Landbau weiß darum, dass Monokulturen zum Scheitern verurteilt sind. Trauer ist so vielfältig und einzigartig, wie es die Vielfalt an Lebewesen und deren Geschichten auch ist. Jede Reaktion ist möglich und ist ein Ausdruck dessen, dass ein System sein Gleichgewicht verloren hat und erst wiederfinden muss. Das gilt es auch in Gemeinschaftssystemen zu berücksichtigen und zu beachten. In einem kleinen System, wie einer Familie können wir es in einer Abschieds- und Trauersituation mit trauernden Müttern und Vätern, mit trauernden Omas und Opas, mit trauernden Geschwistern, Anverwandten und anderen Zugehörigen zu tun haben. Und wer will sich schon anmaßen, einzuteilen, welche Trauer größer, kleiner, wichtiger oder unwichtiger ist?

Die Begleitung durch Sterbeammen und Sterbegefährten

Sterbeammen und Sterbegefährten sind geübt im „systemischen Blick“. Sie berücksichtigen die unterschiedlichen Aspekte, die in Gemeinschaften auftreten können und haben dennoch die Individualprozesse mit ihren Besonderheiten im Fokus. In der Begleitung von Menschen in Krisen durch Sterbeammen und Sterbegefährten ist die geistig- spirituell freibleibende Grundhaltung ebenso wichtig, wie es das grundsätzliche Wissen ist, dass das Gegenüber Expert*in für das eigene Leben ist. Sie geben Hilfestellung über den letzten Atemzug hinaus, was ein erster Schritt in Richtung Trauerheilung ist. Sterbeammen und Sterbegefährten sind in der Lage, individualisierte Rituale zu erstellen und konzipieren, damit die unterschiedlichen Positionen in den Gemeinschaften berücksichtigt sind.

Claudia Cardinal ist nicht nur Initiatorin und Leiterin der Ausbildung zur Sterbeamme/zum Sterbegefährten, sondern auch Gründerin des Vereins Sterbeheilkunde e.V., In zahlreichen Fachbüchern vermittelt die erfahrene Sterbeamme neue Denk- und Handlungsansätze der Sterbe- und Trauerbegleitung.

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