Das Bestattungsfahrrad – den Tod sichtbar machen

Das Bestattungsfahrrad

Den Tod sichtbar machen

Die Idee, ein Lastenfahrrad speziell für den Transport eines Sarges zur letzten Ruhestätte eines verstorbenen Menschen zu bauen entstand ungefähr im Jahr 2006 bei vielen Gesprächen mit meiner damals 84-jährigen Mutter Luise.

Schon früh haben mich die beiden Themen „Sterben“ und „Tod“ beschäftigt. Denn es sind durchaus zwei voneinander getrennt zu betrachtende Themen. Meine Beschäftigung mit diesen beiden Themen entstand auf Grund einer gesellschaftlich-ästhetischen Erwägung und Kritik: nämlich der von mir schon als Jugendlicher als befremdlich empfundenen Bestattungskultur in Deutschland.

Oft nutzen Bestattungsunternehmen und Medien den Ausdruck „vorbereitet sein“. Doch wie, so fragte ich mich schon in jungen Jahren, soll und kann eine Gesellschaft dieses „vorbereitet sein“ lernen, verinnerlichen und anwenden? Wie soll das möglich sein, wenn die hiesige etablierte Bestattungskultur die Selbstverständlichkeit der Endlichkeit zum einen mit Angst verknüpft und sie zum anderen aus dem Alltag verdrängt? Wie soll das gehen, wenn unsere Gesellschaft durch die Tabuisierung nur einen verklemmten Umgang mit diesen Themen gelernt hat?

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Doch! Wir müssen darüber sprechen!

„Darüber spricht man nicht“, „damit will ich nichts zu tun haben“. Wir alle kennen -zig derartiger Sätze, Aussprüche.

Doch! Wir müssen darüber sprechen! Weil wir damit zu tun haben, zu tun haben werden, immer damit zu tun hatten. Nichts ist so selbstverständlich wie der Tod. Er gehört nicht nur zum Leben, er ist streng genommen viel selbstverständlicher als Leben.

Ich meine, dass Sterben und Tod aus einer düsteren Nische wieder an und in das Licht geholt werden müssen. Sie gehören auch nicht in die kalte und dunkle Jahreszeit, wo wir sie gerne verorten, sondern in jeden Tag eines jeden Jahres.

Warum diese Ängste?

Es befremdete mich schon immer, mit welcher Eile Verstorbene aus ihren häuslichen Umfeldern genommen und in ein anonymes Auto verfrachtet werden. Wie sie meist ohne tätige Beteiligung der Angehörigen, Freunde, Nachbarn, Verwandten, Kollegen beigesetzt werden.

Woher kommen diese Ängste, sich mit dem Selbstverständlichsten im Leben, nämlich dem Sterben und dem anschließenden Tod, zu beschäftigen? Warum dieses Verdrängen und Verstecken, warum diese Stigmatisierung durch Begriffe wie „schwarz“, „dunkel“ und „kalt“?

Durch Verdrängen und Verstecken verlieren wir unsere Toten

Das Leben ist voller Farbe, der Tod ist Teil des Lebens, es gibt ein Leben vor dem Tod. Was hält uns davon ab, ganz selbstverständlich über Sterben und Tod zu sprechen und damit die  Vorbereitung auf das Selbstverständliche wieder in unseren Alltag zu integrieren?
Wir sorgen durch dieses Verdrängen und Verstecken dafür, dass uns unsere Toten verloren gehen. Und damit auch unser Respekt vor dem Leben, dem gelebten und dem zu lebenden Leben.

Ich finde es befremdlich, wenn in Todesanzeigen Sätze wie „wir haben unsere 94-jährige Großmutter verloren“ stehen. Sind denn Angehörige, Freunde oder Kollegen ein Besitz, der uns verloren gehen kann?

Sie werden uns nicht verloren gehen können, wenn wir uns ihrer annehmen. Wenn wir sie begleiten, in unserer Mitte bewahren und halten, wenn wir mit ihnen und über die Endlichkeit sprechen. Statt uns ihrer beim Abschied nehmen zu entledigen und einfach zur Tagesordnung überzugehen.

Das Bestattungsfahrrad

Abschied geben

Ich meine, dass wir lernen müssen, statt Abschied zu nehmen, diesen zu geben. Wir müssen uns dem Sterben, dem Tod und den Toten widmen, aktiv widmen. Im gelebten Alltag. Denn Sterben und Tod sind so selbstverständlich wie zur Arbeit zu gehen, zu frühstücken und Schuhe zu tragen. Sie sind sogar noch viel selbstverständlicher!

Und das wird uns nur gelingen, wenn wir uns offen mit dem Tod und dem Sterben beschäftigen und diese Themen in unseren Lebensalltag zurückholen.

Das Bestattungsfahrrad

Deshalb habe ich das Bestattungsfahrrad gebaut.

Um den Sarg sichtbar auf der Ladefläche dieses Bestattungsfahrzeugs, in Begleitung der Gäste und der Öffentlichkeit zur letzten Ruhestätte zu bringen. Unter tätiger Mithilfe möglichst aller in Form der Vorbereitung der anstehenden Beisetzung und des Geleitzuges.

„Zu Grabe tragen“: Das bedeutet nichts anderes, als die Bestattung nicht anonymen Unternehmen zu überlassen – also auch Sarg oder Urne nicht anonymen Trägern zu überlassen – sondern wieder selbst aktiv zu werden: selbst zu tragen und in die letzte Ruhestätte abzulassen. Das Grab anschließend selbst wieder mit Schaufel und Erde zu verschließen.

Durch diese körperliche, seelische und emotionale Mitarbeit können wir Abschied G E B E N.

Mit System verbannt?

Früher war es selbstverständlich, die eingesargten Verstorbenen mit einem Karren oder auf den Schultern zu ihrer letzten Ruhestätte zu bringen. Öffentlich, für jeden sichtbar. Der Tod hatte seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft.

Warum werden Sterben und Tod heute in den vor materiellem Wohlstand strotzenden Gesellschaften aus der Öffentlichkeit verdrängt? Hält uns unsere auf „mehr, größer, lauter,  schneller…“ getrimmt Konsumgesellschaft davon ab, uns mit Sterben und Tod, Endlichkeit und Vergehen zu beschäftigen? Ich meine „JA“, systematisch und gezielt.

Die uns mit den Dogmen „Wachstum!“„Fortschritt!“ und dem Postulat „weiter, weiter, weiter“ diktierte Lebensweise suggeriert uns, dass es immer so weitergeht. Aber nein, das tut es nicht! Unser aller Leben ist endlich, da wir sterblich sind. Da alles sterblich ist.

Wir sind endlich. Daran führt kein Weg vorbei

Der Tod lehrt uns Demut, Innehalten, sich vorbereiten, das Leben achten und zugleich genießen, es als Wunder und Geschenk zu begreifen, statt es als „haben“, als Konsum und Besitz zu begreifen.

Denn wir sind endlich, sterblich. Daran führt kein Weg vorbei.

Um Mut und Respekt vor dem Leben zu entwickeln, benötigen wir Lehrmaterial. Sei der Tod unser Lehrmeister. Erst dann werden wir Achtung und Respekt vor dem Leben entwickeln.
Dazu müssen wir über beide Pole sprechen: über Zeugung und Geburt, über Sterben und Tod.

Sprechen wir also darüber. Mit Selbstverständlichkeit. Behalten wir ihn immer im Auge.

61 Jahre, freier Künstler und Kunsttechniker, Bühnenbildner, Zweiradmechaniker, Angestellter der Deutschen Post DHL und der Kulturtage Oldenburg aus Hannover und Sankt Peter-Ording. Im wahrsten Sinne des Wortes leb-haft in Oldenburg. Fotos: Jörg Hemmen, Oldenburg

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