Bestattung in Zeiten von Corona – ein halbes Jahr später

Kontaktbeschränkungen und Abstandregeln

Beerdigung ist mehr als ein zu Grabe tragen. Beerdigungen sind soziale Einschnitte, unwiderrufliche Veränderungen im Familiensystem und Beziehungen. Das „Dabei-gewesen-sein“ macht diese Veränderung erlebbar und ist eben mehr als die Information, dass Onkel Emil gestorben ist.

Zurzeit unterliegen Beerdigungen dem Gebot der Kontaktbeschränkungen. Deshalb können sie ihre Funktion des Verabschiedens oft nicht mehr für alle erfüllen, die dabei sein möchten. Und für die, die dabei sind, gelten Abstandsregeln.

Darf ich Dich in den Arm nehmen?

Diese Frage – ob sie nun wirklich ausgesprochen wird oder nicht – ist in unseren Köpfen immer virulent.

  • Was darf ich noch?
  • Wie kann ich mein Mitgefühl ausdrücken?
  • Kann ich das Risiko eingehen, jemandem nahe zu kommen?
  • Wie nah darf ich Dir kommen?
  • Wer ist in meiner Trauer an meiner Seite?

Über unsere Zusammenkünfte legt sich große Verunsicherung. Beerdigungen fühlen sich für mich zurzeit anders an. Ideen, wie Menschen mit einbezogen werden können, die nicht dabei sein können. Und wie Menschen wenigstens am gemeinsamen Gang zum Grab teilnehmen können, wenn schon nicht an der Trauerfeier, weil die Kapelle zu klein war.

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Bunte Bänder als Zeichen der Verbundenheit

Wir haben mit Bändern gearbeitet, die bei der Feier verbunden waren mit der Urne und den Anwesenden.  Diejenigen, die nicht dabei sein konnten, bekamen dann im Anschluss ein kleines Stück per Post zugeschickt. Videoaufzeichnungen und Übertragung nach draußen waren Möglichkeiten, die wir mehr und mehr nutzten und auch heute noch nutzen können.

Bei einer gelungenen Trauerfeier entsteht immer ein Flow, getragen von den Anwesenden, der Musik und der Verbundenheit mit dem Menschen, der gestorben ist. Es ist manchmal sogar fröhlich, weil so viele da sind, weil wir uns verbunden fühlen mit den anderen. Selbst mit denen, die nicht kommen konnten, aber über die man wieder mal was gehört hat und die auch eben mit dazu gehörten.

Bei Trauerfeiern kommen Menschen zusammen, um sich nahe zu sein und sich zu trösten.

Nach Monaten des Lebens mit der Pandemie, wo wir uns alle an Abstand und Maske gewöhnt haben, erlebe ich nun auch auf den Beerdigungen große Verunsicherung und Distanz. Die Ungezwungenheit, uns in solchen Momenten des Abschieds auch nahe sein zu wollen, ist weg.

Es sind auch die sich ständig ändernden Vorgaben, die zur Verunsicherung beitragen wie zum Beispiel „In die Kapelle dürfen aber nur x Personen!“. Und auch Fragen wie: „Muss ich denn auch Abstand zu meiner Familie einhalten?“ „Ist das jetzt die Kondolenzliste oder die für Corona?“ „Ist das denn okay, dass der Pfarrer keinen Mundschutz hat?“

Mir persönlich fehlt es sehr, Angehörigen nicht mehr die Hand geben zu dürfen.

In einen Händedruck lässt sich so viel Mitgefühl legen. Ein Händedruck kann mehr sagen als tausend Worte. Ein Winken auf Abstand kann das nicht ersetzen. Die Hand aufs Herz als Zeigen der Verbundenheit kommt da vielleicht schon etwas näher dran.

Es sind nicht nur die offensichtlichen Veränderungen, die durch Vorgaben zum Schutz vor Ansteckung die Rahmenbedingungen verändern. Ich bemerke auch subtile Veränderungen im Verhalten der Trauernden und auf Trauerfeiern, die ich der allgemeinen Verunsicherung und Ermüdung zuschreiben möchte.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass auf den Beerdigungen mit mehr als zehn Personen viele gar nicht wirklich da sind. Auch der eigentlich noch mögliche Kontakt wird oft vermieden. Versteckt hinter der Maske wirken Anwesende auf mich oft sehr in sich gekehrt: anwesend zwar, aber nicht wirklich dabei. Masken schützen und wir zeigen damit auch gesellschaftliche Solidarität, um die Gefährdung einer Ansteckung möglichst gering zu halten. Aber sie schaffen eben leider auch Distanz. Bei kleineren Beerdigungen gibt es innerhalb der Familien meist einen Konsens über Abstand halten und Maske tragen. Das gibt Sicherheit, wie man miteinander umgehen möchte. Das fehlt dann, wenn mehr Menschen zusammenkommen.

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Werden wir nach der Pandemie wieder genauso sein, wie wir vorher waren?

Irgendwann werden die verordneten oder selbst auferlegten Beschränkungen vorbei sein. Gewohnheit ist ein starker Impuls. Vielleicht hilft es ja, sich schon jetzt selbst zu beobachten, wie wir uns verändert haben, was zu unserer Gewohnheit geworden ist.

Was geschieht, wenn die Beschränkungen nicht mehr nötig sein werden? Können wir dann Anderen einfach die Hand geben, sie in den Arm nehmen und ihnen nahe sein – ohne verunsichert zu sein über die Selbstverständlichkeit menschlicher Nähe und Zugewandtheit? Können wir das dann noch?

Auf den ersten Blick möchten wir die Einschränkungen sicher gerne wieder loswerden und sehnen uns nach dem Leben, wie es davor war. Auf den zweiten Blick müssen wir wohl anerkennen, dass diese Erfahrung uns tief verändert hat, gerade weil es ja nicht nur ein paar Wochen waren. Das besorgt mich und ich wünsche mir sehr, dass – nicht zuletzt durch das Bewusstmachen – Beerdigungen mit einem natürlichen Flow selbstverständlicher Verbundenheit wieder möglich sein werden.

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