Berührende Momente in der Familientrauerbegleitung

Berührende Momente in der Familientrauerbegleitung

Vor ziemlich genau zwei Jahren begann ich meine Ausbildung zum Familientrauerbegleiter bei Mechthild Schroeter-Rupieper. Zeitgleich beendete ich meinen letzten Kurs, in dem ich ehrenamtliche Begleiter des Kinder- und Jugendhospiz hier in Meiningen ausgebildet habe. Diesen Kinder- und Jugendhospizdienst habe ich aufgebaut, war Koordinator und Kursleiter. Es war aber die Zeit gekommen, nach vielen Jahren Erwachsenen- und Kinderhospizarbeit etwas Neues zu tun. Ehrenamtlich. So begann ich die Ausbildung und auch schon erste Begleitungen. Dort, wo ich gerade gebraucht wurde.

Und es ist so ein positives Tun, wenn ich in „meine“ Familien gehe. Trotz derzeitiger Beschränkungen und Auflagen. Es geht nur in Einzelbegleitungen. Ich besuche Familien zuhause. Sicher freue ich mich auch auf den Moment, an dem es endlich Gruppen geben wird. Eine Gruppe für die jungen Kinder. Je eine für die Kinder, Jugendlichen, junge Erwachsene. Aber auch eine Gruppe für verwaiste Eltern und eine für verwitwete Eltern wird es geben. Dazu die Erst- und Einzelgespräche, Workshops und Kooperationen mit Einrichtungen, Schulen Kitas.

Ich freue mich so sehr auf das, was kommt. Und ich freue mich über das, was ist. Und davon möchte ich auch heute erzählen. Ich nenne bewusst keine Namen in diesem Blogbeitrag. Denn die Familien dürfen und können sich darauf verlassen, dass ich gut mit Ihrer Geschichte des Lebens umgehe. Darum habe ich mir auch „Momente“ aus den zwei Jahren herausgesucht, an denen ich hier teilhaben lassen möchte.

Nach Omas Tod sitzen alle zusammen am Küchentisch

Da ist zum Beispiel die Familie, wo die Oma plötzlich verstorben ist. Die beiden Enkel dabei, als es passiert ist. Ein Junge und ein kleineres Mädchen, neun Jahre alt. Ich besuche die Familie, mitten im ländlichen Raum. Drei Generationen wohnen miteinander in einem Gehöft. Man lebt nebeneinander – aber man teilt auch das Leben. Auch wir sitzen nun zusammen. Die „Kleine“ ist noch unterwegs bei einer Freundin. „Es“ ist acht Wochen her. Alle sitzen am Küchentisch der jungen Familie. Alle auf der Eckbank, ich auf dem Stuhl. Mit Abstand und Maske. Als einziger mit Maske. Alle mir gegenüber sind traurig. Das muss wohl so sein, wenn ein Trauerbegleiter sich ankündigt. Wir kommen ins Gespräch. Jeder beschreibt, wie er oder sie sich gerade fühlt. Da meint der Schwiegersohn der verstorbenen Oma: „Ja, traurig bin ich auch. Aber noch mehr wütend!“ Auf die Frage, warum das so ist, antwortet er, jetzt ist alles durcheinander. Und nichts wie normal. Außerdem geht das nicht, so einfach „abhauen“. Damit ging dann das Gespräch weiter. Alle fanden es schlimm, dass sich niemand vorbereiten konnte.

Unerwarteter Trost aus dem Kindermund

Nur der Opa war gedankenversunken und still. Wie kann man einfach nur so sterben?! Ich fragte, ob es denn besser sei, wenn jemand lange mit einer Krankheit wäre und sterben müsste. Der Enkel und die Tochter sagten sofort: „Ja! Für uns jedenfalls!“ Der Einzige, der nichts sagte, war der Opa. Der Witwer. Er wollte nicht viel sagen. Wohl auch, weil er erst nach Allem, was zu tun war, anfangen konnte zu trauern. In diesem Moment kam „die Kleine“ herein. Die Mama erklärte, wer ich bin, und warum ich da bin. Wir sagten ihr, dass wir gerade darüber gesprochen haben, wie das für jeden war, als die Oma gestorben ist. Da sagte das Mädchen einfach unvermittelt: „Ach, der Oma geht es gut. Die ist jetzt tot, aber die hatte keine Schmerzen.“ Der Opa nahm sie in den Arm: „Du bist deiner Oma so ähnlich, wie kein anderer hier!“

Weise Abschiedsworte eines todkranken Teenagers

Eine junge Frau von 16 Jahren, die ich früher kennenlernen durfte, habe ich wenige Wochen vor ihrem Tod noch einmal besucht. Wir hatten vorher schon viel, und an diesem Tag besonders darüber gesprochen, wie ihre Sicht auf den Tod ist. Sie war traurig, dass ihr Leben kurz ist. Was sie aber wirklich bewegt hat, ist die Frage, wie Ihre Familie damit umgeht. Mir hat sie zum Abschied auf den Weg gegeben: „Lutz, wusstest Du eigentlich: Leben ist tödlich!“

Als Familientrauerbegleiter gebe ich Trauernden meine Schulter zum Anlehnen

Immer wieder fragt man mich, wie ich das aushalte. Wer so viel mit traurigen Menschen zu tun hat, an dem kann das doch nicht spurlos vorbeigehen. Nein, das tut es nicht. Ich lerne immer wieder tolle Menschen kennen und lerne daraus viel Positives für mich. Mein Leben. Meinen Umgang mit Menschen. Als Familientrauerbegleiter begleite ich trauernde Menschen. Ich schenke ihnen mein Ohr. Einfach zuhören und (salopp gesagt) auch mal die Klappe halten. Ohne eigene Meinung. Manchmal ist das Alles. Und das Lächeln oder auch eine Umarmung (wenn das möglich ist) sind gefühlt mehr als Dankeschön. Man spürt, dass es genau so richtig war.

Oft braucht es nicht mehr als zuzuhören und zu sagen, dass es gut so ist

Gestern erst habe ich ein Gespräch gehabt. Eigentlich gar keine Familienbegleitung, denn die Frau sprach über den lang zurückliegenden Tod ihres Partners. Und sie nahm sich einfach die Zeit, die sie brauchte. Und ich habe sie reden lassen. Mehr als zwei Stunden. Am Ende sagte sie, sie brauche mich nicht. Sie kann jetzt wieder durchatmen. Aber vor meinem Besuch hatte sie keinen, dem sie sich anvertrauen konnte. Alle hatten ihr gesagt, es muss doch mal gut sein. Sie solle sich damit abfinden. Sie hat sich nicht verstanden gefühlt. Ich habe ihr gesagt, dass jeder seine Zeit braucht. Die kann kurz oder lang sein. Aber wenn man die Trauer durchlebt, dann findet man auch zu einem neuen Leben, allein mit sich selbst.

Diese „kleinen“ Momente sind „Schnappschüsse“ intensiver Begegnungen

Jeden Tag kommen neue dazu. Jeden Tag sich neu und auf andere Menschen einzulassen. Das ist für mich die Herausforderung, und das tut mir auch gut. Ich bin gern Familientrauerbegleiter. Und sicher sind es auch hin und wieder Ereignisse, die mich schwer bewegen und die mich fordern. Aber es sind immer Gesichter, die Dankbarkeit zeigen. Die Hoffnung auf eine Zeit nach der schmerzvollen Trauer haben. Und darum ist es mir so wertvoll, Trauerbegleiter zu sein.

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